Diese Walliser!
Susanne Perren

Diese Walliser!

12 Porträts

Mit Texten von Elisabeth Joris, Luzius Theler / Mit Fotografien von Bernhard Lochmatter / Mit einem Vorwort von Judith Stamm

192 Seiten, gebunden, 49 s/w-Fotografien
November 2011
SFr. 39.50, 39.50 €
sofort lieferbar
978-3-85791-651-9

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Die erste Kampfkuh von Oswald Andres machte eine Schwalbe. Alfons Blumenthal ging den Lebtag lang auf die Pirsch. Vor allem vor und nach der Jagdsaison. Erika Stucky musste zuerst nach San Francisco ziehen, um den Walliser Jodel zu finden. Wieder im Wallis, wars für die Einheimischen wie für sie ein Schock. Inzwischen ist ihr schriller Jodel Kult.

Woher wir kommen, wohin wir gehen: Eigen ist den Wallisern ihr ausgeprägter Sinn für das kulturelle Erbe. Während die einen die Traditionen noch verkörpern, interpretieren die andern diese auf ihre Art.

Die zwölf Porträts wiederspiegeln jene Facetten des Wallis, welche den Landstrich zu dem machen, was er ist: eine traditionell gewachsene, kantige, schroffe, konturierte, geografisch wie kulturell eigensinnige Weltgegend.

Susanne Perren
© Christine Srub

Susanne Perren

Susanne Perren, geboren 1969 in St. Niklaus VS. Die Journalistin BR lebt als freie Autorin und PR-Fachfrau in Luzern. Sei berät und betreut vorwiegend Institutionen aus den Bereichen öffentlicher Verkehr und Tourismus sowie Unternehmen aus der Konsumgüterindustrie.

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Bernhard Lochmatter

Bernhard Lochmatter

Bernhard Lochmatter, geboren 1954 in Brig. Freischaffender Grafiker und Fotograf in Ried-Brig. Absolvierte den Vorkurs und die Fachklasse für Grafik an der Schule für Gestaltung, Bern. Diverse Gruppen- und Einzelausstellungen u. a. in der Galerie zur Matze, Brig, im Kultur- und Kongresszentrum Visp oder in der Galerie zur Schützenlaube, Visp.

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Inhalt
Alte Zöpfe?
Von Judith Stamm

Der König der Königinnen
Oswald Andres, Ergisch / Obermatten
Eringerzüchter
Rilkes Wort und Chappaz' Hand
Marie-Thérèse Chappaz, Fully
Winzerin und Önologin
Scharf im Schuss
Alfons Blumenthal, St. Niklaus
Frevler und Feinmechaniker
Backen mit Elsa
Elsa Kämpfen, Münster
Chräpflispezialistin und Hausfrau
Der Dichter, die Berge und der Strom ...
Pierre Imhasly, Visp / Nîmes (F)
Dichter, Poet

Von Luzius Theler

Was geschieht, wenn Bräuche nicht mehr gebraucht werden?
Werner Bellwald, Ried bei Blatten im Lötschental
Kulturwissenschafter, Kurator und Direktor des Kehrichtmuseums
Bubble-Town oder das ferne Zwinkern von Theodor
Erika Stucky, Thalwil
Sängerin, Performerin
Von Elisabeth Joris
Diesen einen Baum noch
Walter Hug, Gamsen
Maulbeerbaumzüchter und Chauffeur
Alpwärts im Hoch
Agnes Ammann, Turtmann-Senggalp-Eischollalp
Alphirtin, Nomadin
Kristalle und klare Wörter
Reinhard Eyer, Naters
Radiojournalist und Mineraliensucher
Leben mit verlorenen Wörtern
Anna Maria Bacher, Ponte
Walser Lyrikerin und Lehrerin
Himmelwärts gebaut
Heinz Julen, Zermatt
Künstler, Designer, Archite

Scharf im Schuss

Alfons Blumenthal, St. Niklaus
Frevler und Feinmechaniker

 

Diese Geschichte dürften Sie eigentlich gar nicht lesen. Ihr Inhalt touchiert verbotenes Terrain. Mitwissende machen sich mitschuldig – es sei denn, die eine oder andere Episode sei bereits verjährt. Die Autorin selber benötigte im Anschluss an die Gespräche einen ordentlichen Schnaps. Den es selbstverständlich in dem wandelbaren Keller gab, und nicht nur den.

Man hat mich vor Alfons Blumenthal, 74, gewarnt. Unergründlich sei er, unerschrocken, bewaffnet (allerdings!), ein äusserst eigentümlicher Zeitgenosse. Die Pessimisten – es gibt welche, die können das wirklich perfekt, schwarzmalen –, prophezeiten mir, der «Fons» dürfe eh nichts erzählen. Von wegen! Alfons «Fons» Blumenthal hat sich in seinem Leben ganz andere Sachen getraut. Das bisschen Erzählen bringt so einen nicht aus der Façon. Nichts kennt er besser als das verborgene Vergnügen, und davon zu berichten scheint ihn sogar, wie sich im Verlaufe des Gesprächs zeigte, zu amüsieren. Auf dem Kirchenplatz von St. Niklaus weist mir ein älterer Mann, vom Leben gekrümmt, kurz angebunden, den Weg zum Blumenthal-Haus. «Der ist gefährlich», nickt er zur Talstrasse hin. «Sehen Sie das hohe Haus an der Strasse? Es gehört ihm.»

Im Treppenhaus steht ein Herr in Schlarpen auf einer Leiter und hantiert an einer Lampe. Dunkle, sportliche Hose, ein weich fallendes Strickjacket mit sportlichem Karohemd darunter, spitzbärtig mit buschigem Haar und freundlichen Augen. Er steigt von der Leiter, die Glühbirne wollte nicht mehr, sei's drum, jetzt leuchtet eine neue, und es gibt weiss Gott zu tun für sie: Hirschgeweihe, Auszeichnungen, Jagdmedaillen, Fotos von strammen Männern in grünen Röcken tapezieren die Wände. «Ich bin der ‹Fons› oder ‹z'Blüemi›», grinst er verschmitzt, kramt einen Kamm aus dem Hosensack, glättet das wilde Haar, soweit es geht, über die Stirn zur Seite und reicht uns die Hand. Das also ist der vielzitierte Alfons, «Fons», «Blüemi » Blumenthal, der bekannte Wilderer. Drinnen im Wohn- Esszimmer hat er einen Stuhl am Kopf des Eichentisches bereits in Erzählposition geschoben. Er serviert Tee und Kaffee, seine Frau verabschiedet sich.

Das ist er, der seinen Lebtag lang zur Jagd ging, vor allem ausserhalb der offiziellen Jagdsaison. Der gleich zu Beginn provoziert, er sei ein «Blagghund», ein listiger Mann, der sich mit Hintertüren auskennt. Er blinzelt. Diese Rolle scheint ihm zu gefallen.

Über Alfons Blumenthal sind viele Episoden aus dem Tal hinaus gereicht worden. Etwa, wie er ab und an seine Kollegen zum Narren hielt. Eines Jahres während der offiziellen Jagdzeit, das Jagdglück war ihm einmal mehr holder als andern, monierten die glücklosen Jäger, schon wieder lande der «Blüemi» einen Treffer. Er verstecke sich doch nur und knalle ihnen alles ab. «Denen helfe ich ab», habe er sich gedacht. Sein Sohn, der bei der Air Zermatt arbeitet, beschaffte ihm auf Geheiss einen rot-orangen Arbeitsoverall. Anderntags streunte er in diesem leuchtenden Tenü durch den Wald. Seine engeren Freunde befürchteten, er spinne definitiv, Alfons Blumenthal aber lachte: «Dann sehen sie, wo ich bin.» Dass er auch aus der Entfernung besser traf, hat viel mit seinem Gewehr zu tun, welches er als Feinmechaniker «ein bisschen fit gemacht habe», wie er das nennt. Und mit seinem Gespür für das Wild. Was Wunder, verbrachte er doch phasenweise mehr Zeit im Wald als im Bett.
Walliser Bote, 19. November 2011
Tages-Anzeiger, 4. Februar 2012
Neue Zürcher Zeitung, 21. Februar 2012
Zentralschweiz am Sonntag, 1. Juli 2012

«Das mit Fotografien passend illustrierte Bändchen liest sich leicht und bietet dennoch eine respektable Fülle von oft verblüffenden Informationen. Gleich die erste der mit viel Empathie geschriebenen Miniaturen ist ein kleines Meisterwerk.» Neue Zürcher Zeitung

«Prädikat: sehr lesenswert!» Zentralschweiz am Sonntag
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