Spitzeltango
Emil Zopfi

Spitzeltango

Roman

208 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden mit Schutzumschlag
August 2013
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978-3-85791-729-5

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Robert Brown, Professor für Germanistik in Iowa City, landet in Zürich, eingeladen zu einem Vortrag über Max Frisch. In seinem früheren Leben hiess er Robert Brönimann und war hier in einen politischen Attentatsversuch verwickelt. Seine beiden Mitkämpfer, der pensionierte Tramführer Pippo und der gescheiterte Filmemacher und Tangotänzer Hermi, hadern mit ihrem Leben und dem Lauf der Welt. In der Nacht vor Browns Landung wird ihr damaliger Anwalt tot in der Limmat gefunden. Nicht alle glauben an einen Unfall des grünen Politikers. Hat der Exgenosse und Wendehals Anton Tscharner etwas mit seinem Tod zu tun? Hatte nicht dieser sie damals verraten? Oder war es Sara, die Mitverschwörerin von der Goldküste, die mit allen ins Bett ging? Nochmals flackert politischer Aktivismus auf, nochmals tun sie sich zusammen. Das Leben hält ihnen ein paar überraschende Quittungen bereit.

Emil Zopfi
© Marco Volken

Emil Zopfi

Emil Zopfi, geboren 1943, studierte nach einer Berufslehre Elektrotechnik und arbeitete als Computerfachmann und Erwachsenenbildner für Informatik und Sprache. Autor von Romanen, Hörspielen, Kinder- und Jugendbüchern. Er lebt heute als Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schweizer Jugendbuchpreis, dem Kulturpreis des Kantons Glarus und dem Albert Mountain Award.

 

Peter K. Wehrli

«...das Eine und das Andere...»

und beides bei Emil Zopfi

 

Als Emil Zopfi mit dem King Albert Mountain Award ausgezeichnet wurde, stand in der Preisbegründung: «Emil Zopfi sei DER deutschsprachige Bergschriftsteller der Gegenwart». Und tatsächlich gibt es von ihm nicht nur zahlreiche Bücher, in denen die Bergwelt ein oder das Thema ist und ebenso tatsächlich kann man diesen Autor als Begründer einer eigenen literarischen Gattung betrachten, des «Bergkrimi». In ihrem Zentrum steht die junge Bergführerin Andrea Stamm, die sich angesichts von fürchterlichen Unfällen am Berg unfreiwilligerweise zu einer Art Kommissarin entwickelt, weil sie nicht so voreilig wie andere an Unfälle zu glauben bereit ist. «Spurlos», «Steinschlag» und «Finale» sind Andreas abenteuerliche Felsszenerien.

Aber Emil Zopfi ist nicht einfach nur Bergbuchautor, er ist selber ein begeisterter oder begnadeter Kletterer, der die Herausforderung durch den Berg mit Leidenschaft annimmt. Und wenn man ihn in Interviews (und gar im Fernsehen) von seinen kühnen Klettererfahrungen berichten hört (und sieht), dann drängt sich uns unweigerlich die Frage auf, was und wieviel wohl das Bergsteigen mit dem Schreiben zu tun habe (und beileibe nicht nur mit dem Schreiben über das Bergsteigen). Und Zopfi lässt dabei bald erkennen, dass beide Bedürfnisse gewissermassen einen Ursprung haben. Er erlebt den Kopf, den man zum Schreiben braucht, und den Körper, den man zum Klettern braucht als eine harmonisch funktionierende Art von Mechanismus. So wie in der Geschichte – oder im Krimi – der Kopf einen Weg zum Ziel ersinnt, so gelangt am Berg der Körper selbst zum angestrebten Ziel. Nicht ohne, dass der Geist dabei Machbarkeit und Risikofaktoren fortlaufend zueinander in Beziehung bringt. Und mit Überzeugtheit bringt Zopfi so auch die Tätigkeit des Schriftstellers und jene des Bergsteigers in so enge Beziehung zueinander, dass wir vermuten dürfen, die beiden ergänzten sich gegenseitig, vereinen sich zu einem Dritten, für das man – wäre man Germanist – eine Bezeichnung wie «Sprachwerdung des Empfundenen» erfinden müsste.

Und heute führt uns der Schriftsteller Zopfi vor Augen und vor Ohren, dass er eben nicht nur ein Bergschriftsteller ist. Er lese diesmal nicht über Berge, sagte er in der Ankündigung, er lese über Zürich. Und Zürich ist bekanntlich eine Stadt, – also ziemlich genau das Gegenteil vom Hochgebirge.

Mir will scheinen, das sei Emil Zopfis listige Methode, dieses Spiel mit den Gegensätzen: Der Kopf und der Körper, das Gefühl und die Vernunft, die Elektronik und die Handschrift, die Schiefertafel und der Computer, die Stadt und die aufgewühlte Natur. Mir sagte einmal mein Lehrer: «Die Gesundheit musst Du dir von einem Kranken erklären lassen und die Krankheit von einem Gesunden»: Das Andere vor Augen haben wenn man vom Einen spricht, das Eine sehen, wenn man das Andere anschaut: Beides gehört zusammen: Eines allein wäre stets nur die Hälfte». Und Emil Zopfi ist wahrhaftig kein Schriftsteller, der es mit der Hälfte bewenden lässt: Das Eine und das Andere – die Stadt und das Land. Und das würde heissen: Wer seine Stadt neu und frisch sehen will, der muss sie sich von einem Bergkletterer zeigen lassen. Ich glaube, so Unrecht hatte mein Lehrer da nicht!

Also: Abgesehen vom Gegensatz Stadt – Land, den Emil Zopfi nicht nur lebt, sondern den er andauernd auch in Sprache hereinkippt, lebt und schreibt, verfügt Zopfi auch über ein erstaunliches Inventar von Arten, sich der Stadt anzunähern. Als gebürtiger Gibswiler lebte er 24 Jahre lang im Glarnerland und «eignete sich» Zürich so an, wie es ein Pendler eben tun kann. Er be-wohnt die Stadt nicht, «noch nicht», sie hat ihn «noch nicht durchdrungen». Auch wenn es mir schwer fällt, Arbeit und Leben als ein Gegensatzpaar zu bezeichnen, Wohnort und Arbeitsort, auch das sind «zwei Arten von Zürich». Und eine weitere «Annäherungsart» hat er praktiziert: Er hat Zürich zu seiner Heimat gemacht. Ein Ort, eine Stadt kann nicht «einfach so» und beiläufig zur Heimat werden, man muss sie wollen, und Emil Zopfi will sie. Also ist es «sein Zürich» von dem er berichtet, «sein Zürich», das er in Sprache hereinbricht» und es solcherart zu «unserem Zürich» macht.

Da sind Abschnitte aus Zopfs Erstling, der 1977 erstaunliches Furore gemacht hat: «Jede Minute kostet 37 Franken». Vor fast vier Jahrzehnten schon führte uns Emil Zopfi da in ein Rechenzentrum, in eine Vorstufe zur heutigen vollelektronisierten Arbeitswelt. Das Rattern der Lochkarten macht die Romanfigur auf Widersprüche im sozialen Gefüge aufmerksam, auf die Abgründe im Machtgefüge, die auch heute, wo keine Lochkarten mehr rattern, noch immer nicht gelöst sind. Vergrössert eher, obschon doch – wie Zopfi tröstend fast schreibt – obwohl die Technologie doch «das Potential zur weltweiten Kommunikation und zur Verständigung trägt».

Vom Zürich-Bild des elektronischen Zeitalters dann anderthalb Jahrhunderte zurück ins Zürich des historischen «Züriputsch» von 1839. Im Roman «Schrot und Eis».

Doch Zopfi wäre nicht Zopfi, wenn er nicht Gegensätze zusammenführte: Das 21. Jahrhundert drängt beunruhigend ins 19. Jahrhundert hinein. Was Zeit gehabt hätte für Entwicklung, zeigt Anzeichen von Rückbildung: Das Damals und das Heute, der Fundamentalismus und die Aufklärung. Auf dem Umschlag steht zwar «Historischer Roman», das würde stimmen, wenn der Autor sein Thema nicht so eindeutig aus dem Geist von heute aus angehen würde, dass man die Jahre um 1839 als unsere aktuelle Zeit erleben muss.

«Spitzeltango», vollgesogen von hiesigem Lokalkolorit, praktiziert ein ähnliches Hin und Her zwischen Gegensätzen, die gar nicht so gegensätzlich sind, wie sie erscheinen: Das Jetzt und das Damals, als Aufbruch die Herzen und Hirne bewegte um 1968. Zopfis gelenkige Sprachkraft erzählt da nicht einfach von einem Aufbruch, der vor einem halben Jahrhundert war, sie weckt ihn, diesen Aufbruch, im Leser auch jetzt wieder, stösst ihn an, der eigenen Vorstellungskraft immer wieder neu zu vertrauen.

Nein, diesmal will ich nichts über den Leisten der Gegensätze schlagen – oder höchstens den: Je mehr ich Zopfi lese, umso mehr wächst die Ahnung, Zürich liege am Fusse des Matterhorns oder in der Flanke der Denti della Vecchia. Kopf und Körper kommen auf gleiche Weise zum Zug!

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Neben einer Steinsäule am Limmatquai ...

Neben einer Steinsäule am Limmatquai kauerte eine Frau vor einer Art Altar mit brennenden Kerzen in roten Gläsern, Blumensträussen und handgeschriebenen Zetteln. «Martin, wir lieben dich.» – «In Erinnerung an unsern Freund Martin Kunz.» An die Säule war ein Bild geklebt, aus einer Zeitung geschnitten. Ein älterer Mann mit sichelförmigem Schnurrbart, geröteten Wangensäcken, melancholischem Blick. Das Gesicht eines Alkoholikers.

Robert blieb stehen. Martin, dachte er, unverkennbar, auch nach so vielen Jahren. Die junge Frau sah zu ihm hoch, sie trug einen Filzhut, flach wie ein Suppenteller, einen violetten Schal um den Hals geschlungen. An einem Lederband baumelte ein Friedenszeichen aus Messing, Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht.

«Haben Sie Martin gekannt?» Ihr Gesicht war nass, von derkühlen Luft gerötet. Sie senkte ihren Blick, beschäftigte sich wieder mit den Kerzen und den Blumen.

«Er war mal mein Anwalt.» Robert griff sich an den Hals, als ob er den Klumpen lösen könnte, der ihm das Atmen schwer machte. «Er ist also tot.»

Sie nickte, zog ihre Unterlippe ein, ihre Mundwinkel zuckten. «Ein so engagierter, feiner Mensch.» Sie stand auf, lehnte sich ans Gitter, deutete auf einen Brückenpfeiler. «Da hat man ihn aus dem Wasser gezogen. Es war kein Unfall, wie die Polizei behauptet, bestimmt nicht.»

Martin Kunz. Die Erinnerung war da und zugleich der Schmerz. Der Stich hinter dem Auge. Robert hielt sich am Geländer fest.

«Ist Ihnen nicht gut?»

«Geht gleich vorüber. Was ist mit Martin?»

«Sie haben ihn umgebracht.»

«Sie?»

«Die Baumafia. Spekulanten.» Ihre Hände umklammerten das Geländer so fest, dass ihre Knöchel weiss wurden. «Er hat ihre korrupten Geschäfte vermasselt.» Gemeinderat der Grünen sei er gewesen, Präsident der Baukommission.

«War er nicht früher bei den Sozis?»

«Schon möglich.»

«Er war ein guter Anwalt.»

Sie lehnten nebeneinander am Geländer, schauten in den Fluss. Spiegelnde Lichter tanzten auf den Wellen. Robert hielt den Schirm so, dass er die junge Frau halb bedeckte. Ariane hiess sie. Sie war klein, er musste etwas in die Knie gehen. Ihre Finger spielten mit dem Friedenszeichen. Die Sätze des Songs gingen ihm wieder durch den Kopf. Einmal waren sie wichtig gewesen, in Zürich, in dem Leben hier. Er sagte sie halblaut vor sich hin. Eine zweite Strophe fiel ihm ein.

 

Wie lange brauche ich schon, um
anzukommen,
wann bin ich losgegangen,
wie lange schon gehe ich,
seit wann gehe ich.


Er war losgegangen, vor langer Zeit. Irgendwohin, nirgendwohin. Er war amerikanischer Staatsbürger geworden, Professor für Deutsche Sprache und Literatur, eingeheiratet in eine wohlhabende Familie von Republikanern, Baptisten mit Verbindungen. Er war Vater und seit kurzem Grossvater.

«Schön, das Gedicht. Von wem ist es?»

«Ich erinnere mich nicht mehr. Wird mir aber schon wieder einfallen.»

Ariane kettete ihr Fahrrad vom Geländer los, schob es neben sich her, während sie das Limmatquai entlang gegen den See spazierten.

active live, Sptember 2013
P.S. Buchbeilage, 3. Oktober 2013
ekz Bibliotheksservice, 8. Oktober 2013
Sempacher Woche, 25. Oktober 2013
Aargauer Zeitung, 14. November 2013
Kulturtipp, Dezember 2013
Berner Zeitung, 23. Januar 2014

«Emil Zopfi hält in seinem neuen Roman das Früher und das Heute fest, weckt Erinnerungen und beschreibt eine Zeit zugleich unsentimental und doch emotional berührend.» active live

«Eine spannende, auch politische Geschichte über die letzten 45 Jahre in Zürich - von den Anfängen der Vietnamkriegsgegner über die gewerkschaftlichen Aktivisten, die Auseinandersetzungen innerhalb der Linken, über Spitzeltätigkeiten, Siege, aber vor allem über Niederlagen beim Versuch «das werktätige Volk» für die Revolution und die Überwindung des Kapitalismus zu gewinnen. Ein Buch, das die vielen Veränderungen – nicht nur baulicher Art – innerhalb der Stadt Zürich in dieser Zeit aufzeigt – spannend und mit viel Lokalkolorit.» P.S.

«Ein spannend zu lesender Roman um politische Korruption und politischen Widerstand, mit einer Fülle zeitgeschichtlicher und literarischer Bezüge. [...] Der temporeich erzählte Roman, halb Politthriller, halb Alterselegie, überzeugt durch eine turbulente Handlung, psychologisch stimmige Porträts und atmosphärische Dichte. Breite Empfehlung.» ekz Bibliotheksservice

«Spitzeltango lässt die 68er Bewegung nochmals aufleben, mit originellen Akteuren auf komisch-skurrile Art abrechnen und ein kleines Politdrama inszenieren. Emil Zopfi ist ein unterhaltsamer Erzähler, der mit viel Lokalkolorit Zürichkenner erfreuen wird. Seine Helden sind zwar alt geworden, aber kein bisschen müde!» Sempacher Woche

«Nach zahlreichen Krimis aus den Glarner Bergen begibt sich der 70-jährige Autor und passionierte Bergsteiger Emil Zopfi ins Flachland. Sein «Spittzeltango» ist aber nur am Rande ein Krimi, sondern vielmehr ein Gesellschaftsroman rund um die Züricher 68er-Bewegung – ausgestattet mit feinfühligen Beobachtungen über die Unzulänglichkeiten des Älterwerdens und einem Schuss Wehmut.» Kulturtipp

«Komisch und berührend zugleich. Dem in Zürich lebenden 70-jährigen Autor ist über einen spannenden Krimi hinaus ein authentisches Gesellschaftsbild gelungen.» Berner Zeitung

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