«Euch zeig ich’s!»
Dorothee Degen-Zimmermann

«Euch zeig ich’s!»

15 Zürcherinnen erzählen

Mit Fotografien von Martin Volken

256 Seiten, gebunden, 48 s/w-Fotografien
Februar 2014
SFr. 38.–, 42.– € / eBook sFr. 33.95
zur Zeit nicht lieferbar
978-3-85791-743-1

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Zürcher Frauenleben

Fünfzehn Frauen aus dem Kanton Zürich erzählen ihr Leben. Sie haben zumindest die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts miterlebt und mitgeprägt. Sie erzählen aus ihrer Kindheit, von Eltern und Grosseltern, von Familie und Beruf, von Umbrüchen und Aufbrüchen, von erfüllten und unerfüllten Wünschen. Es ist ein reiches Spektrum weiblicher Biografien in diesem Teil der Schweiz, die Bäuerin gehört ebenso dazu wie die Pfarrerin, die Fabrikarbeiterin wie die Geschäftsfrau, die Immigrantin wie die Altzürcherin, die Künstlerin wie die Intellektuelle, die Single-Frau wie die Familienmutter. So wird aus den individuellen Geschichten gleichsam eine Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts im Kanton Zürich lebendig, mit den Kriegsjahren, dem wachsenden Selbstbewusstsein der Frauen, den Jugendunruhen, dem Umbau der Familienstrukturen, der Drogenproblematik, Einwanderung, Bauboom und vielem mehr.

Dorothee Degen-Zimmermann

Dorothee Degen-Zimmermann, geboren 1946 in Olten, Ausbildung zur Primarlehrerin, arbeitet als freie Journalistin. Sie lebt in Zürich.

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Martin Volken

Martin Volken, geboren 1974 in Brig, freischaffender Fotograf. Neben der Porträt- und Reportagefotografie hat er sich auf die Umsetzung von abstrakten Themen in Bildserien spezialisiert. Martin Volken lebt in Zürich.

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Inhalt

Ruth Angst, 1930, Handarbeitslehrerin, Rafz
«Wartet nur, euch zeig ich's!»

Erika Hug, 1945, Unternehmerin, Küsnacht
«Aber dann musst du in die Firma kommen»

Madlonne-Beatrix Goldschmid, 1934, Modellbauerin, Winterthur
«Den roten Faden nicht verlieren»

Heidi Iseli-Rebsamen, 1940, Bäuerin, Sternenberg
Vaters zuverlässigster Knecht

Heidi Witzig, 1944, Historikerin, Winterthur
Feuer und Flamme für den feministischen Aufbruch

Lide Hort-Pensa, 1925–2012, Textilarbeiterin, Aathal-Seegräben
«Ich habe geweint, als ich die Arbeit aufgeben musste»

Rose-Marie Obrist, 1944, Bardame, Hoteli re, Zürich und Küsnacht
Die Niederdorf-Rose

Ulla Kasics, 1926, Tanz- und Gymnastikpädagogin, Zürich
Mit nichts anfangen

Barbara Bucher-Isler, 1936, Gymnasiallehrerin für Alte Sprachen, Rüschlikon
Lernbegierig, wissensdurstig

Ilse Wyler-Weil, 1930, Geschäftsfrau, Familienfrau, Uster
«Der Schabbes hat uns erhalten»

Leni Altwegg, 1924, Zürich, Pfarrerin
«Man muss Partei nehmen können»

Beate Schnitter, 1929, Architektin, Küsnacht
«Man hat von mir immer erwartet, dass ich Architektin werde»

Ursi Kamm-Keller, 1940, Hebamme, Weinbäuerin, Schloss Teufen
Stallgeruch und gärender Wein

Carola Maila von Schoultz, 1931, Kunstmalerin, Zürich
«Was blüht denn da?»

Eva Mezger-Haefeli, 1934, Schauspielerin, Fernsehfrau, Zürich
«Wenn ich eine Kamera sehe, werde ich kribbelig»

Glossar

«Wartet nur, euch zeig ich’s!»

Zuerst fallen die hellen, wachen Augen auf. Mit ihrem sonnengebräunten Gesicht und den rosigen Wangen sieht Ruth Angst aus, als hätte sie bis vor fünf Minuten im Garten gearbeitet. Stimmt nicht, leider. Vor zwei Jahren musste sie den Garten aufgeben, die Knie machten nicht mehr mit.Die Freude am Gärtnern ist als Überraschung in ihr Leben gekommen. Längst ist sie bestandene Handarbeitslehrerin in Dübendorf, als ihr an einem trüben Novembertag ein holländischer Blumenkatalog in den Briefkasten flattert. An die Fensterscheiben prasselt der Regen, und aus dem Katalog leuchten ihr Tulpen, Osterglocken und Sterneblueme entgegen. Einem Impuls folgend, bestellt sie ein ganzes Paket Blumenzwiebeln. Denkt, das wäre etwas für ihre Schwester. Und weiss plötzlich: «Ich muss einen Garten haben.» Sie erbettelt sich von ihrem Vermieter, dem «Millionen-Keller», einem Immobilienhändler und ehemaligen Bauern, ein paar Quadratmeter Wiese und macht sich sofort an die Arbeit. Im Novemberregen sticht sie die zähen Graswurzeln aus, setzt Kompost auf, bereitet die Beete vor, und noch vor dem Klaustag steckt sie mit Begeisterung die Zwiebeln in die Erde. Abends ist sie hoch befriedigt, todmüde und kann endlich wieder einmal richtig schlafen. «Das ist es, das brauche ich als Ausgleich zum Schulalltag, dreckige Hände hin oder her.» Dabei hat sie als Kind dreckige Hände und Erde unter den Fingernägeln gehasst wie die Pest.

Fünf Gärten hat sie im Laufe der nächsten Jahrzehnte angelegt, jedes Mal aus einem Stück Wiese. Sie hat neben Blumen auch Gemüse und Beeren gezogen, und was in der Gefriertruhe keinen Platz mehr fand, «habe ich halt den faulen Weibern mit den gepflegten Fingernägeln schenken müssen. Man kann ja nichts umkommen lassen.» Seit dreissig Jahren wohnt Ruth Angst in Rafz, in jener nördlichen Ecke des Kantons Zürich jenseits des Rheins, die von deutschem Gebiet umgeben ist. Seit dem Ausbau der S-Bahn ist das Dorf in den Sog der Agglomeration Zürich geraten. Ganze Einfamilienhausquartiere spriessen aus dem Boden. Die Gemeinde ist für Pendler attraktiv geworden. «Denen ist das Dorf egal, sie grüssen auch nicht.» Geboren und aufgewachsen ist sie im Nachbardorf Wil. Am Sonnenhang über dem Dorf wachsen die Reben, dahinter senkt sich der Wald ­gegen die Grenze zu Deutschland. Im Süden breitet sich die Weite des Rafzerfeldes aus, topfebenes Schwemmland des Rheins. In ihrer Kindheit ist das noch Ackerland, so weit das Auge reicht. Ab 1960 wird hier in grossem Stil Kies abgebaut werden, «Futter» für die Autobahnen, Kläranlagen, Gewerbe- und Wohnbauten im ganzen Kanton. Fast alle im Dorf, so auch Ruths ­Eltern und Grosseltern, sind Bauern, es gibt zwei Schmitten, einen Wagner, einen Bäcker, vier Wirtschaften, damit hat sich’s. Wasterkingen, Hüntwangen, Wil und Rafz, die Zürcher Dörfer nördlich des Rheins, gehören zusammen und sind doch für sich. Die Siegrist in Wil schreiben sich mit IE, im Gegensatz zu den Sigrist mit I in Rafz. Sogar der Dialekt unterscheidet sich um Nuancen, die Ruth Angst auch im Alter noch bewusst pflegt: «Ich bin kein Windfahnen, spreche immer noch wilerisch wie in meiner Kindheit, ‹Vögili› mit dumpfem I, nicht mit dem spitzen Rafzer I.» Dagegen klingt der Dialekt der Knechte mit dem dunklen A schon fast exotisch. Sie kommen aus der Gegend um Zürich, das ist weit jenseits der Rheinbrücke von Eglisau.

Die Arbeit diktiert den Lebensrhythmus. Klar, dass die Kinder mithelfen in Haus, Feld und Stall. Ruth ist die Älteste von drei Schwestern, «leider», sie sollte Vorbild sein, das fällt ihr schwer. Viel lieber würde sie lesen, verschwindet ins Klo und stillt ihren Lesehunger mit den Zeitungspapierstücken, die als Klopapier dienen, denn Bücher gibt es nicht im Haus. Das setzt oft einen Klaps auf den Hintern oder bei frechen Antworten eine Maulschelle ab. Was soll’s, sie nimmt es hin wie die Sommergewitter.

«Zufällig» haben alle drei Mädchen in der zweiten Junihälfte Geburtstag, immer schön mit zwei Jahren Abstand. Als Ruth «schon drauskommt, wie das Ganze läuft», wundert sie sich darüber. «Wie habt ihr das fertiggebracht? Mit Knaus-Ogino?», fragt sie ihre Mutter. Die bekommt vor Verlegenheit rote Flecken am Hals: «Das mussten wir doch! Dann ist der Heuet vorbei, und bis zur Ernte mag man wieder mit dem Rechen gumpen.» Und die Zeugung fällt in die Sauserzeit, das passt auch nicht schlecht, folgert die gewitzte Tochter.

Auf den Tisch kommt, was man geerntet hat, Gemüse aus dem grossen Garten, Kartoffeln. Ruth beneidet die Kinder, die nach dem Mittagessen mit roten Spaghetti-Schnäuzen in die Schule kommen. Wenn es bei Familie Angst ausnahmsweise auch einmal Spaghetti gibt, stürzen sich die Mädchen mit Heisshunger darauf. Da bekommt der Grossvater feuchte Augen: «Das isch au schöö, weme de Chind cha gnueg z Esse gii.» Er hat in seiner Kindheit, als die Kartoffeln verdarben, Hungerzeiten erlebt.

WOZ, 6. März 2014
Zürcher Unterländer, 11. März 2014
A. Martin Steffe, Hamburg, Mai 2014
Sempacher Woche/Surseer Woche/Trienger Woche, 19. Juni 2014
Sigristen-Verband, Oktober 2016


«Euch zeig ich's!», so der Titel des Buchs. Das könnte gut als Motto der darin portraitierten Frauen gelten, steht aber ebenso für die Absicht der Autorin, die soziale, politische und wirtschaftliche Veränderungskraft sichtbar zu machen, die diese Frauen in ihrem Alltag ausstrahlten. Eine Einleitung zu den verschiedenen Portraits sucht man vergebens. Und das ist auch gut und richtig so. Diese Frauen stehen für sich selbst.» WOZ
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