Fit und fertig
Jürg Jegge

Fit und fertig

Gegen das Kaputtsparen von Menschen und für eine offene Zukunft

224 Seiten, gebunden
August 2009
SFr. 34.–, 38.– €
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978-3-85791-589-5

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Schlagworte

Politik Sachbuch Schule
     

Fit sein soll der Mensch, als Ich-AG bestehen im Markt, denn wer nicht strampelt, geht unter. Kreativ und konkurrenzfähig, flexibel und angepasst muss er sein, der Arbeitsesel des Neoliberalismus.
In seinem neuen Buch zeigt Jürg Jegge auf, wie sich das neoliberale Denken und seine allmähliche Umsetzung in den letzten zwanzig Jahren auf die verschiedensten Bereiche ausgewirkt hat: Schule, Gesundheitswesen, Medien, Sozialhilfe, wo man hinschaut, sind «neoliberale Fitnessprogramme» in Gang gesetzt worden, die zu mehr Konkurrenz, Leistungs- und Anpassungsdruck für die Menschen führen.
Aber Jürg Jegge wäre nicht Jürg Jegge, wenn er nicht ein paar störrische Vorstellungen vom Menschsein jenseits neoliberaler Vorstellungen hätte. Auf erfrischende Art erinnert er daran, dass der Mensch nicht auf der Welt ist, um eine doppelte Buchhaltung zu führen.

Jürg Jegge
© Limmat Verlag

Jürg Jegge

Jürg Jegge, geboren 1943 in Zürich, war Lehrer, Liedermacher, Fernsehmoderator, Radiomitarbeiter. Von 1985–2011 leitete er den «Märtplatz» in Rorbas, eine Ausbildungsstätte für junge Menschen in besonderen Lebenslagen. Bekannt geworden ist Jürg Jegge Ende der Siebzigerjahre mit dem Bestseller «Dummheit ist lernbar». Nach Missbrauchsvorwürfen eines ehemaligen Schülers und einem öffentlichen Schuldeingeständnis Jegges trat er als Ehrenpräsident des «Märtplatzes» zurück. Der Limmat Verlag verurteilt jegliche Form des Missbrauchs Minderjähriger, Schutzbefohlener oder in anderen Abhängigkeiten stehenden Personen. Wie weit die persönlichen Verfehlungen Jürg Jegges auch sein Werk betreffen, soll der öffentlichen Diskussion überlassen bleiben, weshalb der Verlag sein Buch im Programm behält (auch wenn es darin nur zum Teil um Pädagogik geht).

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Inhalt

Vorwort

Die Schule als Fitnesscenter für die Arbeitsesel des Neoliberalismus

oder Wie man Menschen kaputtspart, 1. Abteilung


Die Herstellung der Ich-AG
Der neue Mensch | Neo? Liberal? | Arbeitsesel | «Vierradantrieb»

Trotz Schulbetrieb ungestörter Umbau
Umbau, erstes Beispiel: Die teilautonome Volksschule | Umbau,
Beispiel zwei: Die neuen Leistungsvergleiche | Umbau, drittes
Beispiel: Das neue Zeugnis für die Primarschule | Umbau, Beispiel
Nr. 4: Die Inflation der Ausbildungs-Ausweise

Das neoliberale Fitnessprogramm (NLFP)
Das Diktat der Effizienz | Das Diktat der Konkurrenz | Das Diktat der Konformität | Das Diktat des Professionalismus | Schliesslich: Das Diktat der Ökonomie | Einspruch!

«Evaluation» des NLFP
Kaputt | Sparen?

Die Schule als Sortieranstalt
Von der Aufgabe der Schule in unserer Welt | Neuverteilung

Die Ich-AG ist kein Mensch
Alte Konzepte

Die Segnungen des Neoliberalismus. Ein (unvollständiges) Sündenregister

oder Wie man Menschen kaputtspart, 2. Abteilung

Was geht’s mich an?

Presse unter Druck
Jugendgewalt: Die Vogelgrippe der Pädagogik | Zahlen | Warum ich das alles erzähle? | Das Diktat der Ökonomie und die Folgen

Sozialstaat – sozial?
Von der Sozialhilfe «leben» | Aus Gründen der Effizienz | Konformität | Das Diktat des Professionalismus | Prädikat: untauglich

Sicherheit
Sicher ist sicher – sicher? | Über Bahn- und andere Reformen | Und die «grossen Bedrohungen»? | Früher sterben?

Scherenschnitt

Menschenbild, katzgrau
«Der Mensch ist schlecht» | «Das Leben ist ein Kampf ums Dasein, ein Kampf aller gegen alle» | «Nur ein angepasster Mensch ist ein richtiger Mensch» | «Jeder ist seines Glückes Schmied» | Das Resultat …

Invalide Versicherung?
Spare in der Zeit … | … so hast du später Not | Noch mehr Sparen | Zeit ist Geld | Auf andere Weise gleich

Gesundheit – instabil
Der Mensch – ein Faktor | Das Verschwinden von Heilen und Pflegen | Länger sterben

Brachland
Beruf | Freizeit | Menschlichkeit | Von Brachen

Böse Wichte
Die «Reichen» | Die Anleger | Die Verbraucher | Die Erfüller und Erfüllerinnen

Abbau, allerorten
Zu schlechter Letzt

 

Für eine offene Zukunft

oder Wie man Menschen nicht kaputtspart

Mauerfall und Bruchlandung
Kopflose Änderung

Vom Lernen
Über Vielfalt | Über Freiraum | Über Respekt | Vielfalt an Anregungen

Grundriss eines Bildungssystems
Lernräume im Bildungshaus | Kindergarten | Volksschule | «Aufsicht», «Qualitätssicherung» | Und die Disziplin? | Eja, wär’n wir da

Grenzstreit und Kräutersuche
Disziplin, Konkurrenz | Der Konkurrenz Konkurrenz machen | Was können wir als Eltern tun?

Umwege sind auch Wege
Der /die ideale Lernende | Wichtig: Einen Beruf finden, der Freude macht | Ein löchriger Schulsack und andere Schwierigkeiten | Angst vor der Prüfung | Vom Rekurs | Der Abschluss «Sur Dossier» | Für die Rettung der Anlehre

Und woher soll das Geld kommen?
Andere Steuern

Anstiftung zum Störrischsein
Von der positiven Kraft der Negation | Von der Würde des Esels und der des Menschen

Anmerkungen und Literaturhinweise

Neo? Liberal?

Was genau meint der Ausdruck «neoliberal»? Offenbar wird er weitherum als unzulängliche Verallgemeinerung, wenn nicht gar als Schimpfwort verstanden. Auf jeden Fall bezeichnet kaum jemand sich selber als «neoliberal». Und ein Grossteil der mit diesem Etikett Bedachten wehrt sich mit einer gewissen Heftigkeit und erklärt, warum das im eigenen auf keinen Fall zuträfe.

Lässt man die wohltönenden theoretischen Grundlegungen beiseite, ist der Neoliberalismus nichts anderes als eine politische Unternehmung, die den Wirtschaftsunternehmen eine möglichst grosse Freiheit lässt. Umweltaspekte, soziale Gesichtspunkte, bildungspolitische, stadt- und landschaftsplanerische Überlegungen und dergleichen gelten dabei eher als Hindernisse. Besser: Sie gelten nur etwas, wenn sich damit auch der Gewinn verbessern lässt. Erst kommt das Geld, dann erst all das andere, gefühlsbeladene Zeug. Was ist daran so «neo»? Die Haltung ist alt und «bewährt »; neu ist die Intensität, das Tempo, die «Effizienz», mit der das durchgezogen wird. Und neu ist auch das Ausmass der dabei entstehenden Schäden. Diese Unternehmung wird in verschiedenen Ländern dieser Erde mit unterschiedlicher Intensität vorangetrieben. Die unterschiedlichsten Gruppierungen und Parteien widmen sich ihm mit unterschiedlichem Elan.

Der amerikanische Anthropologe David Harvey fasst den Begriff in seinem Buch «Kleine Geschichte des Neoliberalismus» etwas genauer: Der Neoliberalismus ist zunächst eine Theorie politischökonomischen Handelns, die davon ausgeht, dass man den Wohlstand der Menschen optimal fördert, indem man die individuellen unternehmerischen Freiheiten und Fähigkeiten freisetzt, und zwar innerhalb eines institutionellen Rahmens, dessen Kennzeichen gesicherte private Eigentumsrechte, freie Märkte und freier Handel sind. Die Rolle des Staates bestehe vor allem darin, Rechte, Märkte und Handel sicherzustellen. Mehr noch: Wo noch keine Märkte existieren – etwa für Grund und Boden, Wasser, Erziehung, Gesundheitsversorgung, Sozialversicherung oder Umweltverschmutzung –, sollen sie geschaffen werden, wenn nötig durch staatliches Handeln. Doch jenseits dieser Aufgabenbereiche hat der Staat nichts zu suchen. Dies hauptsächlich darum, weil der Staat nicht über ausreichende Informationen verfügt, um die vom Markt ausgehenden Signale zu interpretieren, und weil zwangsläufig mächtige Interessengruppen die Interventionen des Staates – besonders in demokratischen Systemen – beeinflussen und zu ihren Gunsten missbrauchen können. Seit den 1970er-Jahren hat sich im politisch-ökonomischen Denken allenthalben eine entschiedene Hinwendung zum Neoliberalismus vollzogen.

Der US-Wirtschaftswissenschaftler Robert Reich spricht vom «Superkapitalismus», und er meint damit die gleiche Unternehmung. Der Superkapitalismus sei ein immer stärker werdendes Wirtschaftssystem, in dem Verbraucher und Anleger immer mehr Macht haben und Arbeitnehmer und Bürger immer weniger.

Der Wirtschaftswissenschaftler Henning Klodt vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel schreibt von «Neuer Ökonomie» – oft auch, ungleich eindrucksvoller, als «New Economy» bezeichnet. Staatliche Eingriffe, schreibt er, seien in der Neuen Ökonomie nicht nur weitgehend entbehrlich, sondern auch schädlich, da sie der Entfaltung neuer wirtschaftlicher Aktivitäten im Wege stehen könnten. Gleichwohl ist der Staat gefordert, denn die Neue Ökonomie braucht klare und verlässliche Rahmenbedingungen. Und in einem ist er sich ganz sicher: Ob die Wirtschaftspolitik diesen Herausforderungen angemessen (also mit der nötigen Unterwürfigkeit) begegnet, wird allerdings nicht darüber entscheiden, ob sich die Neue Ökonomie durchsetzt oder nicht. Letztlich steht hinter der Neuen Ökonomie ein fundamentaler technologischer Wandel, der sich mit oder gegen die Politik durchsetzen wird.

Im Gegensatz dazu läutet der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stieglitz unserem Phänomen das Totenglöcklein: Die Welt meinte es nicht gut mit dem Neoliberalismus, dieser Wundertüte an Konzepten, die auf der fundamentalistischen Vorstellung beruhen, dass die Märkte sich selbst regulieren, Ressourcen effizient verteilen und den Interessen der Öffentlichkeit dienen. Dieser Marktfundamentalismus bildete die Grundlage von Thatcherismus, Reaganomics und dem sogenannten «Washington-Konsens». Forciert wurden Privatisierung, Liberalisierung und unabhängige Zentralbanken, die sich unbeirrbar auf die Inflation konzentrieren. Denn jetzt sei durch die Bankenkrise weltweit ein wirtschaftlicher Abschwung eingetreten. Über die weiteren Aussichten herrscht zunehmend Einigkeit: Dieser Abschwung wird anhaltend und umfassend ausfallen. Damit sei der Neoliberalismus am Ende. Auf der ganzen Welt ist die Wut spürbar. Wenig überraschend richtet sich der Zorn in nicht geringem Masse auf die Spekulanten.

Sein Wort – was die Wut betrifft – in Gottes Gehörgang. Aber offenbar müssen wir unterscheiden zwischen dem Neoliberalismus als Wirtschaftstheorie und dem Neoliberalismus als gesellschaftlicher Praxis. Und dann gibt's erst noch den Neoliberalismus in den Köpfen, in den Gehirnen, in den Seelen. Während Ersterer im Augenblick darniederliegt und möglicherweise tatsächlich am Ende ist (ganz sicher ist das allerdings nicht), erfreuen sich die beiden Letzteren bester Gesundheit.

Wir für unsere Zwecke können getrost verallgemeinernd von Neoliberalismus sprechen. Und das kann meinetwegen auch als Schimpfwort verstanden werden. (...)
P.S., 10. September 2009
Tages-Anzeiger, 18. September 2009
20Minuten, 22. September 2009
Surprise, Oktober 2009
Infostelle der ZAHW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Der Schulkreis, 4/09
Pro Zukunft 4/2009
Sachbuchtrio, Kontext, DRS 2

«Eine vehemente Kampfschrift gegen die Zumutungen des Neoliberalismus kommt zur rechten Zeit.» P.S.

«Jürg Jegge findet, man solle die Stärken der Kinder fördern, statt ihre Schwächen zu betonen. Sein neues Buch ist ein Hieb gegen den Neoliberalismus, ein Aufruf gegen die Angst und voll Humor.» Tages-Anzeiger

«Jürg Jegge gehört zu den pointiertesten Kritikern des Schweizer Schulwesens.» Surprise

«Frech, erfahrungsgesättigt und immer mit Herz und Hirn am rechten Fleck, setzt sich Jegge einmal mehr gegen den Mainstream, gegen unreflektierte Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten und für den Menschen, den auch schwachen, den immer neu sich entwerfenden Menschen ein. Ein angriffiges, sachlich fundiertes und dabei warmherziges Buch für die besinnliche Jahreszeit. Ein Lesevergnügen obendrein – das ideale Geschenk für allzu stromlinienförmig Denkende (oder den allzu stromlinienförmig Denkenden in jedem von uns).» Der Schulkreis

«Dieses Buch macht Mut, die Verweigerung zu proben und zugleich neue Perspektiven für Schule und Gesellschaft auszuloten.» Pro ZUKUNFT

«Wenn der Pädagoge Jürg Jegge ein Buch schreibt, dann geht es stets klar zur Sache: Ein flammendes Plädoyer für das Recht der Jugend auf Raum für Entdeckung und Entwicklung ihrer eigenen Interessen.» Saldo

«Jegge schreibt lebendig und unkompliziert und schreckt nicht vor Utopien zurück.» 20Minuten

«In seinem neuen Buch zeigt Jürg Jegge auf, wie sich das neoliberale Denken und seine allmähliche Umsetzung in den letzten zwanzig Jahren auf die verschiedensten Bereiche ausgewirkt hat: Schule, Gesundheitswesen, Medien, Sozialhilfe, wo man hinschaut, sind ‹neoliberale Fitnessprogramme› in Gang gesetzt worden, die zu mehr Konkurrenz, Leistungs- und Anpassungsdruck für die Menschen führen. Aber Jürg Jegge wäre nicht Jürg Jegge, wenn er nicht ein paar störrische Vorstellungen vom Menschsein jenseits neoliberaler Vorstellungen hätte. Auf erfrischende Art erinnert er daran, dass der Mensch nicht auf der Welt ist, um eine doppelte Buchhaltung zu führen.» infostelle
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