Blaues Wunder
Daniel de Roulet

Blaues Wunder

Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle

Daniel de Roulet: Die menschliche Simulation [6]

210 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Januar 1999
SFr. 34.–, 34.– €
sofort lieferbar
Titel der Originalausgabe: «Bleu Siècle»
978-3-85791-333-4

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Schlagworte

Literatur
     

Der schwerreiche Industrielle Paul vom Pokk zieht sich jedes Jahr auf ein grosses Schiff auf dem Genfersee zurück. Er ist so alt wie das Jahrhundert, ein misanthropischer Patriarch, der auf sein Leben und sein Jahrhundert mit all den sozialen Kämpfen zurückblickt. Aber auch vom Schiff aus zieht er an den Fäden der Landespolitik und treibt seine Weltbeherrschungspläne voran. Sein Mittel dazu ist «Blaues Wunder», avantgardistische Spielkonsole und permanentes Kontrollinstrument zugleich.

In der virtuell wolkenlos blauen Welt dieser Konsole steckt auch Kumo, Urenkelin und Erbin vom Pokks. Sie wird von epileptischen Anfällen geplagt, ist immer unterwegs rund um die Erde und träumt von Wolken. Zwischen den beiden beginnt ein Kampf …

Daniel de Roulet
© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Genf.

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Maria Hoffmann-Dartevelle

Maria Hoffmann-Dartevelle

1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.

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Auf einmal gerät das Spiel ...

Auf einmal gerät das Spiel von allein in Aufruhr, die Figuren springen wild durcheinander. Die Wolkenforscherin ruft. Erfolglos, denn von da an erinnern wir uns an nichts mehr. Außer an Schreie und daran, daß Kumo nicht antworten noch die Bilder behalten konnte ...

Ein erstickter Schrei, ein dumpfes Geräusch, wie das eines fallenden Gegenstandes. Die Wolkenforscherin hat nachgesehen, hat ein steifes kleines Mädchen auf dem Teppich vorgefunden. Es schien nicht zu atmen, die Muskeln waren verhärtet, die Fäuste geballt, die Beine gekrümmt, die Brust starr. Seine Augen verdreht, und es hat nicht geantwortet.

Die Wolkenforscherin hat geschrien, gekreischt, gejammert, hat sich gebückt, ist wieder aufgestanden, hat sie geküßt, gerufen, angefleht, ist zum Telefon gelaufen, hat wieder eingehängt, hat sich über den steifen Körper gebeugt, Wasser geholt, ein Kissen verrückt, wollte die verkrampfte Faust öffnen, hat Kumo angebrüllt, sie solle nicht sterben, nicht jetzt, hat sie zu beruhigen versucht, hat geweint, ganz unnötig ein Taschentuch hervorgeholt.

Dann wurde der kleine Körper von oben bis unten von Stößen durchgeschüttelt, Zuckungen, bei denen er sich weh tun konnte, die Beine haben zugeschlagen, die Fäuste getrampelt. Das Gebiß hat wild geklappert. Die Wolkenforscherin hat den Namen des kleinen Mädchens genannt, zehnmal, hundertmal, in allen Tonlagen, von den schrillsten Höhen bis zu den düstersten Vorahnungen. Doch das Bewußtsein war fort, flog es schon mit den Englein davon?

Die Wolkenforscherin, tränenblind, auch sie auf dem Boden liegend, hat Kumo umklammert, damit sie nicht so stark zitterte, wollte sie schützen vor diesem Besessensein. Kniend hat sie die Arme des verkrampften Körpers festgehalten, Wasser über Kumos Stirn gegossen, geräuschvoll ihre eigenen Tränen hochgezogen, hat gestreichelt, geküßt, sobald ein Körperteil sich beruhigt zu haben schien.

Kumo hat sich furchtbar in die Zunge gebissen. Das Blut ist ihr in den Mund gelaufen und hat sie beinahe erstickt. Die Wolkenforscherin hat ihren Kopf gehoben, um ihn mit einem Kissen abzustützen.

Und plötzlich Ruhe. Die Atmung wurde tief und geräuschvoll, der Schaum ist auf die Lippen getreten. Zwischen den Beinen der schlaff und bewußtlos daliegenden Kumo hat sich ein kleiner See gebildet. Auch die Wolkenforscherin hat sich beruhigt, aber immer wieder gerufen. Keine Antwort.

Den Krankenwagen kommen lassen, das kleine Mädchen auf einer Trage hinunterbringen. Blaulicht und Sirene durchqueren die Stadt, die Wolkenforscherin läßt Kumo nicht einen Atemzug lang aus den Augen. Wenn eine von beiden stirbt, sterben wir gemeinsam.

Noch eine Stunde, bis Kumo, bei Bewußtsein, ihre Augen öffnet. Sie erinnert sich an nichts und antwortet ruhig auf die Fragen des Kinderarztes ...

Kumo wird mit elektrischen Saugnäpfen überzogen, in den Computertomographen geschoben, dann wird die Wolkenforscherin beiseite genommen, um sich die schwierige Aufgabe der Pflege eines epileptischen Kindes erklären zu lassen.

Würde die Wolkenforscherin ihr nicht alles haarklein erzählen, würde Kumo von dem Vorfall nicht viel behalten. Da ist nur ein schwarzes Loch zwischen einem Spiel an der Simulette und den über sie gebeugten weißen Kitteln. Sie wird mit diesem Plüschkissen zwischen den Zähnen einschlafen müssen, das verhindern soll, daß sie sich auf die Zunge beißt, falls nachts wieder ein Anfall kommt. Sie muß jeden Abend eine Tablette einnehmen.

Die Wolkenforscherin ist sehr sanft, noch sanfter als sonst. Dem Kinderarzt beipflichtend, beschließt sie, nichts zu dramatisieren, läßt sich Termine für weitere Untersuchungen geben. Der Arzt sieht ziemlich gut aus. Sie schwört ihm, das Kind nicht übermäßig zu beschützen, da wir sowieso nichts machen können, wenn der Anfall erst einmal losgeht. Außer ein Taschentuch in den Mund zu stecken, um Verletzungen zu verhindern. Schon andere waren vor Kumo Epileptiker: Julius Cäsar, der dreizehnte Ludwig, der Verfasser des Idioten und Millionen von Leuten. Charbovari hat es nicht am Heiraten gehindert.

Wir sind mit dem Schrecken davongekommen.
Le Nouveau Quotidien, 19. September 1996
Tages-Anzeiger, 11. Oktober 1999
Neue Zürcher Zeitung, 23. November 1999

«Noch eine Abenteuergeschichte, mit obskuren Organisationen und ominösen Drahtziehern, mit wissenschaftlichen Details und elektronischen Gags und allen Mythen unserer Zeit. Noch eine Analyse der Gegenwart, grell beleuchtet durch de Roulets exakte Fantasie, welche das Konkrete ins Visionäre überhöht. Wir bemerken, dass wir längst schon in der Utopie leben, das heisst: nirgendwo. In der Entfremdung, der Entwirklichung unserer Wirklichkeit.» Tages-Anzeiger

«Während in «Blaues Wunder» Fiktion und Wirklichkeit absichtlich durcheinandergeraten und erfundene Figuren und Orte neben reale treten, reihen sich in «Gris-bleu» internationale Schauplätze - Paris, Brasilia, Vancouver und Nagasaki - in fast atemraubenden Tempo aneinander. De Roulet erzählt rasch, direkt, in kurzen, oft unvollständigen Sätzen, die die Reflexion oder die Handlung vorantreiben. (Die Übersetzerin, Maria Hoffmann-Dartevelle, hat diesen kargen und trockenen, doch mit feiner Ironie gewürzten Stil gut ins Deutsche hinübergebracht.» Neue Zürcher Zeitung

«Peu de romancier s'inquiètent de rendre compte des mutations technologiques et des perspectives inédites que la nouvelle donne scientifique ouvre chaque jour plus largement. Aussi faut-il saluer l'audace et la réussite de Daniel de Roulet ... Victoire de la poésie et de la grâce sur la science et l'intérêt.» Le Monde

«Se faufilant entre les genres littéraires et la poésie pure, entre le manifeste politique et un cynisme abyssal, Bleu Siècle assène au fil des pages un discours magistral et sans rémission.» Libération

«Dans ces pages admirables où Daniel de Roulet décrit le remue-ménage du ciel... on se dit , vaguement rassuré, qu'un « double clic » jamais n'abolira le hasard de la vraie littérature.» Le Journal de Genève

«Un auteur qui s'est imposé en une poignée de livres comme l'un des écrivains les plus originaux de ce pays.» Construire

«Cosmopolite, embarqué dans un destin chavirant, Daniel de Roulet apparaît comme une sorte d'écrivain modèle, presque classique.» La Tribune de Genève

«Pour Daniel de Roulet, l'informatique n'est pas l'ennemie de la littérature...Glacé et efficace.» Laurent Wolf, Le Nouveau Quotidien

«Son excellent montage, son rythme très particulier en font une sorte de roman-film dont la dédicace à Godard est sans doute plus qu'un hommage.» Le Passe-Muraille

«C'est ce combat entre la vidéosphère et l'atmosphère qu'orchestre Daniel de Roulet, l'un des premiers romanciers à s'attaquer aux fantômes interactifs qui ricanent à l'horizon de XXIe siècle.» L'Express
Wann Was Wo
06. Sept. 17
16:00 Uhr
1. Lecher Literaturtage
Daniel de Roulet liest aus «Zehn unbekümmerte Anarchistinnen»
Burghotel Lech
6764 Lech am Arlberg
26. Okt. 17
19:30 Uhr
Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
Lesung mit Daniel de Roulet
LibRomania
3012 Bern
 
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