Die blaue Linie
Daniel de Roulet

Die blaue Linie

Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle

Daniel de Roulet: Die menschliche Simulation [5]

190 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Februar 1996
SFr. 34.–, 34.– €
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978-3-85791-269-6

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Schlagworte

Literatur
     

Die blaue Linie auf den Strassen New Yorks markiert den Weg durch die fünf Stadtteile, die die 250'000 Marathonläufer durchqueren, bevor sie nach 26 Meilen beim Central Park das Ziel erreichen.

Max, der im Widerspruch zwischen erfolgreichem Architekten heute und politischem Aktivisten damals lebt, hat sich eine Zeit unter vier Stunden vorgenommen. Während des Rennens wird Vergangenes wieder gegenwärtig – sein Lauf durch die Nacht von K. nach Olten, nachdem der Pavillon auf dem AKW-Gelände gesprengt worden war, eine Frau, die sich ihm während des Laufes unvermittelt in Erinnerung ruft, die Flucht Gustave Courbets in die Schweiz, weil er in der Pariser Commune die Vendôme-Säule umgestürzt haben soll.

In diesem Roman zwischen Fiktion und literarischer Aneignung schildert Daniel de Roulet die Biographie einer Generation.

Daniel de Roulet
© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor mehrerer Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Frankreich.

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Maria Hoffmann-Dartevelle

Maria Hoffmann-Dartevelle

1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.

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10. Lynch Street

Doch ich lief jetzt beinahe, ich hatte nicht mehr die nötige Puste, um ein solches Wort auszusprechen. Wenn er nur etwas langsamer liefe, Marcus, oh, nur ein kleines bisschen. Wenn er nur die Beschleunigung seines Tempos mässigte, dann könnte es schon gehen. Aber nein, er lief, er flog sozusagen, es gab Augenblicke, Momente, immer längere und gleichzeitig, wie soll ich sagen, immer kürzere Momente, in denen er beschleunigte, sich seine Beschleunigung beschleunigte, kurze Phasen, während deren keiner seiner beiden Füsse den Boden berührte.

Gilles Carpentier, Haussmann m'empêche de dormir

Man leert seine Blase beim Start, die Frauen in Toilettenhäuschen, die Männer in langen Reihen vor einem Pissoir mit Rundblick. Man scheidet nicht nur durch Schwitzen aus. Die Nieren werden auf eine harte Probe gestellt, und jeder Marathonläufer hat bei der Ankunft schwache Spuren Blutes im Urin, winzige, durch die Erschütterungen verursachte Verletzungen. Auf der zehnten Meile haben die Veranstalter Toiletten aufgestellt. Immer besetzt, wo doch jede Warteminute zählt. Darum kommt es am Rande eines unbebauten Geländes an der Bedford Avenue, das zwischen vom schleichenden Bürgerkrieg zerstörten oder verbrannten Wohngebäuden liegt, zu einem kollektiven Halt. Wenig Publikum in Sicht. Die Frauen hocken sich in nur geringem Abstand ungeniert hin, die Männer stehen mit heruntergelassener Hose unter freiem Himmel. Die, deren Magen durch die Anstrengung angegriffen ist, nutzen die Gelegenheit ebenfalls und wischen sich mit Grasbüscheln ab. Man findet das sehr witzig, beglückwünscht sich zur wiedergefundenen Leichtigkeit, die Sprache wechselnd, wenn man den Eindruck hat, nicht verstanden zu werden. »Was für eine Erleichterung!«

Max hat beim Urinieren sein blaues Nylontrikot angeboben, läßt seinen Kopf langsam über seine Schultern rollen, entspannt seinen Nacken, während er die wenigen, rasch vorbeiziehenden weißen Wolken an einem Herbsthimmel beobachtet, der strahlender ist als die blaue Linie. Er muß nicht wirklich, aber so hat er es hinter sich. Homo supiens non urinat in ventum.

Drei Japaner mittleren Alters, die ihre durchsichtigen Seidenstrümpfe heruntergelassen haben, zeigen kichernd mit dem Finger aufeinander. Man weiß nicht so genau, ob sie ein Tabu durchbrochen haben oder ob die japanische Kultur besonders grob ist.

Ihre Ähnlichkeit ist so groß, daß sie den Lauf unter falschem Namen mitmachen könnten. Wie 1936 in Berlin dieser umgetaufte Koreaner, den das Reich der aufgehenden Sonne zwang, unter seiner Sonne zu laufen. Man wird ihn vierundfünfzig Jahre später auf der Tribüne des Olympiastadions in Barcolona wiedersehen als einen rachsüchtigen Greis, der endlich seinen wahren Namen trägt. Er ist gekommen, um einem jungen Landsmann zuzujubeln, der auf der Ziellinie einem Sohn seines einstigen Besatzers die Goldmedaille raubt.

Ein falscher Name, wie Ingeborg. Das Doppelspiel ist manchmal notwendig, wenn die Sache gerecht ist. Max hätte gern gesehen, wie der Schwarze Owens bei den Olympischen Spielen den Nazis eine lange Nase drehte. Doch von Berlin kennt er nur die Ankunft in Tempelhof, den Lebensschmerz der Fixer und die Sehnsucht nach der Mauer, die jetzt weiter nach Osten verschoben ist.

Im Augenblick liegt die Mauer der zwanzig Meilen vor ihm, und der einzige Lebensschmerz, der ihn befallen könnte, ist der, den er manchmal gegen fünf Uhr abends beim Verlassen seines Büros verspürt, wenn eine rasche Kopfrechnung ihm klarmacht, daß er mehr Stunden damit verbracht hat, für das Leben zu arbeiten, so wie es ist, als dagegen. Mehr Zeit damit, zu überleben als in Frage zu stellen. Wo doch sein Intellektuellenglück darin besteht, den Zweifel zwischen die Ordnung der Dinge und ihr Werden zu schieben. Das überkommt ihn in seinem BMW oder schon, wenn er die Lampe an seinem Zeichentisch ausmacht: »Was hast du aus diesem Tag gemacht?« Das ist der richtige Augenblick, sich einen Gin Tonic hinter die Binde zu kippen.

Es gibt aber auch Tage, an denen die Rechnung aufgeht, jene, an denen du, laut Ingeborg, Punkte gegen die Lobby machst. Du hast der Notwendigkeit Zeit gestohlen, um sie den neuen Möglichkeiten zu schenken, du hast keine Zufahrten für die unterirdischen Parkhäuser einer Frachthalle ermöglicht, kein Hochsicherheitsgefängnis geplant noch ein Heim entworfen, um Alte drin sterben zu lassen. Du hast einen Architekturstudenten empfangen und in ihm den Keim der Utopie, der Nichtunterwerfung unter den herrschenden Geschmack angelegt. Und niemand hat dich entdeckt.

*

Seit Jahren hatten sie diesen Alptraum: »Wo warst du in der Nacht der Explosion?« Das Ganze spielte sich im allgemeinen in einem Keller der Bundespolizei ab, eine Lampe im Gesicht, der Rauch der Inspektoren in der Luft und das Strafgesetzbuch auf dem Tisch. Sie packten nie aus, trotz der Gefängniskälte im Rücken. Bewahrten die Fassung, um nicht unnötig zu provozieren, und konzentrierten sich auf die Gerechtigkeit ihrer Sache.

Sie schreckten aus dem Schlaf hoch, um diese immer unwahrscheinlicher gewordene Szene noch einmal durchzuspielen. Der Inspektor sagte: »Wir haben Beweise, wir werden dir ein Telefongespräch vorspielen.« Und man ließ das Band laufen, auf dem ihre Frau einem anderen zärtliche Worte zuraunte. Oder die kaum verschlüsselten Worte: »Vergiß deine Handschuhe nicht, denn es wird kalt heute abend.«« Oder eine unbekannte Stimme, die sie beschuldigte: »Die, die ihre Besorgungen auf den Baustellen am Fuß des Juras erledigen.« Sie verbesserten ihre psychologische Prüfungsvorbereitung: nicht kollaborieren, weder Erstaunen noch Interesse vortäuschen. »Ich will auf Ihre Fragen nicht antworten, ich habe nichts dazu zu sagen.«

Bullenfragen, die nicht kamen. Sie hatten die Partie verloren, die Sache zu den Akten gelegt. Der in Gips gegossene Schubabdruck ruhte in einem Regalfach. Der schlecht getippte Bericht enthielt ihr Gewicht, ihre Art, sich gebückt zu halten, ihre Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Fußabdrucks, ihr angenommenes Geschlecht. Genau wie das Identifikationsprotokoll ihrer Manuskriptfragmente. War das G von »Gefahr« linkshändig geschrieben worden? Polizeiliche Auffassung von Literaturgeschichte.

Sie schliefen mit brühwarmen Erinnerungen wieder ein, während der Ermittlungsrichter ein letztes Mal die ganze Mannschaft in seinem Bundesbüro zusammenrief, auf die fünfzehn Bundesordner zeigte, für die freundeidgenössische Hilfe dankte und alle auf ein Glas im Bundescafé gegenüber einlud. Weggetreten!

«In Roulets erstem Roman ‹Die blaue Linie› läuft der Architekt Max vom Pokk den New York-Marathon, dessen Strecke blau auf dem Asphalt markiert wird. Fast mehr noch als seine körperlichen Zustände zu konstatieren, durchläuft dieser Max in der Erinnerung eine andere Strecke, die eine parallele Erzählung bildet: Die ebenso lange Fluchtroute über den Jura, die er vor vielen Jahren nach einem Sprengstoffanschlag eine AKW-Baustelle nahm. Und weil Roulet ein kunstvoller Erzähler ist, spielt auch Gustave Courbet eine Rolle, der 1873 über die gleiche Jura-Route in die Schweiz flieht, weil er für den Sturz der Vendôme-Säule während der Pariser Kommune verantwortlich gemacht wird.» Süddeutsche Zeitung

«Daniel de Roulet beweist, daß ein Mann, der sich erfolgreich vornimmt, 4219500 Zentimeter in weniger als vier Stunden zu durchlaufen, auch fähig ist, den Leser über diese Distanz zu halten – selbst wenn er nur über eine blaue Linie schreibt.» Libération

«Daniel de Roulet ist es gelungen, das fluoreszierende Bewusstsein seiner Figur mit seismographischer Präzision zu inszenieren, wobei er in seinem packenden, spannungsgeladenen Drama Ost und West, Gegenwat und Vergangenheit, konkrete, sinnliche und seelisch-geistige Wirklichkeit zu einem komplexen Gebilde verdichtet, das die vielschichtigen Persönlichkeitsstrukturen des Helden mit grosser Plastizität sichtbar werden lässt.» Der Bund

«In Wirklichkeit ist ‹Die blaue Linie› ein – das Wort drängt sich auf – ganz leichtfüssiges und spannendes, einfallsreiches Buch. Es greift mitten hinein in die Geschichte der Schweiz und in die konfliktreiche Befindlichkeit einer Generation, aber ihm fehlt die Schwere der historischen Demonstration. De Roulet hat sich bei den Postmodernen die Ironie ausgeliehen, die er auf seinen Heden ebenso wie auf sein eigenes Schreiben anwendet und, ein ziemlich paradoxes Verfahren, mit einer eminent politischen Thematik verknüpft. Es klingt angesichts dieses knappen und so spielerisch leichten Romans masslos, aber ‹Die blaue Linie› hinterlässt den Eindruck eines ungewöhnlich zeitgemässen und zeitbezogenen, fast epochalen Werks.» Tages-Anzeiger

«Daniel de Roulet kommt das Verdienst zu, auf sehr eigenständige Weise die Biographie der inzwischen von der Kritik eingeholten 68er Generation um ein gekonntes Stück Prosa weitergeschrieben zu haben.» Der Schweizer Buchhandel

«Das Buch kennt durchaus witzige Sätze. Erzählerische Stellen. Es ist über weite Teile unterhaltsam geschrieben. Es zehrt von seinem bestechenden Ansatz. Aber Max ist Max. Er stellt sich selber nicht in Frage. Er stellt überhaupt nichts in Frage. Max beschert uns die Ästhetik eines Dia-Nachmittags mit Tantenkommentar. (...) Max, mit Verlaub, das ist mir zu wenig.» Ernst Aernschd Born, Facts

 

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