Im Stillen klagte ich die Welt an
Dora Stettler

Im Stillen klagte ich die Welt an

Als «Pflegekind» im Emmental

180 Seiten, gebunden, 6 s/w-Fotos
3. Auflage, September 2004
SFr. 29.80, 32.– € / eBook sFr. 26.–
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978-3-85791-467-6

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Im Sommer 1934 werden zwei Mädchen aus der Stadt Bern auf einen abgelegenen Bauernhof in Pflege gegeben. Die Mutter will nach der Scheidung wieder heiraten, dabei stören die Kinder.
Auf dem Hof herrscht ein harsches Regiment, die beiden werden als ‹Gratismägde› ausgenutzt, sie müssen neben der Schule hart arbeiten, erhalten wenig zu essen und werden wegen Kleinigkeiten verprügelt. Und nicht genug: Sie werden verhöhnt, und der Bauer erweist sich als Lüstling. Dann kommen die Missstände aus, die Kinder werden umplatziert. Aber sie kommen vom Regen in die Traufe: Wieder verrichten sie harte Arbeit, dabei werden sie von einer launischen ‹Mutter› gequält. Als nach vier Jahren ihr Vater sie endlich zu sich holen kann, sind die Elf- und Zwölfjährige für ihr Leben geprägt: vom Gefühl, nichts wert zu sein. Dora Stettler erzählt mit feinem Gespür für die wichtigen Details von all den kleinen und grossen Grausamkeiten ihrer vier Jahre als «Angenommene», die sie bis heute verfolgen.

Dora Stettler
© Limmat Verlag

Dora Stettler

Dora Stettler, geboren 1927 in Bern. Technische Zeichnerin während 36 Jahren bei Hasler AG und PTT. Nach der Pensionierung begann sie, ihre Geschichte als Verdingkind aufzuschreiben. Dora Stettler lebt in Muri bei Bern.

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Endlich unterbrach Mama das Schweigen.

Endlich unterbrach Mama das Schweigen. Sie wandte sich an Markus und an mich: «Nun, ihr Kinder, hört mal her. – Dies ist jetzt euer neues Zuhause. – Ihr werdet von nun an hier wohnen!»

Ihre Stimme klang seltsam, ihr Tonfall fremd.

Einen Moment lang stockte das Blut in meinen Adern. – Wie konnte Mama so etwas tun! Sie durfte uns doch nicht allein zurücklassen, hier in diesem abgelegenen Hügelland, fern von der Stadt.

Wie versteinert stand ich da und schaute sprachlos meine Mutter an. Ihre Entschiedenheit war unmissverständlich, ich sah es in ihrem Gesicht! Ich begriff, dass künftig nicht mehr meine Mama, sondern diese schwarz gekleidete Frau sich um mich kümmern würde.

Mama und Karl schickten sich an, mit den Bauern ins Gespräch zu kommen. Indessen entspannte ich mich ein wenig. Ängstlich, doch neugierig schaute ich mich im Raum um. Da stand ein Kinderbett neben dem Ofen. Ich wollte wissen, wer denn darin schlafen würde.

«Du, Katharina, wirst darin schlafen», belehrte mich die Bäuerin.

Geschockt von der Antwort und weil sie mich Katharina genannt hatte, war ich der Verzweiflung nahe. Trotzdem deutete ich verschüchtert auf das grosse Bett neben der Tür. Ich wollte wissen, ob vielleicht mein Bruder hier schlafen würde.

«Nein», war die Antwort, «der wird nicht hier wohnen, er kommt zu einem Bauern in der Nachbarschaft.»

Dieser niederschmetternde Bescheid brachte mich aus der Fassung. Ich brach in Tränen aus und wollte wieder nach Hause mitgenommen werden. Damit kam ich aber schlecht an. Mama hielt mir vor: «Jetzt musst nicht noch heulen, da doch sonst alles so glatt gelaufen ist.»

Mamas Antwort traf mich schmerzlich. Ich war doch erst sieben Jahre alt! Aufgebracht riss ich die Türe auf und stürzte ins Freie. Ich wollte fort, weg von diesen Leuten … Aber wohin? Markus lief mir gleich hinterher. Aber folgte uns, um uns zu trösten. Wir wurden mit unserer Angst, der Trauer und der grenzenlosen Enttäuschung allein gelassen. Wir Kinder sollten auch noch voneinander getrennt werden. So nebensächlich wie möglich wurde uns dieser Umstand beigebracht. Vor kaum einer Stunde sagte Mama «ihr», also wir beide sollten nun hier wohnen!

Langsam trippelte ich das Bord hinauf, liess mich auf die Knie und dann auf den Boden fallen. Dann liess ich den Tränen freien Lauf. Markus konnte mich nicht trösten. Er musste selbst mit der neuen Situation fertig werden.

Nach geraumer Zeit versiegten meine Tränen. Ich hob den Kopf und schaute mich um. Ich fühlte mich in eine neue Welt verpflanzt. Vorsichtig drehte ich mich um und rollte das Bord hinunter – im Sonntagskleid, aber das war nun auch egal.

Unten am Abhang hätte ich beinah ein Huhn überrollt. Flatternd und gackernd lief es davon. Ich erhob mich und strich mir das Kleid glatt. Darauf stieg ich wieder nach oben und rollte gleich noch ein weiteres Mal hinunter.

Da öffnete sich im Bauernhaus die Tür, durch die man gleich in die Küche gelangte. Die Bäuerin stand da und winkte uns herbei. «Ihr dürft die Hühner nicht so erschrecken, sonst legen sie keine Eier mehr», erklärte sie uns. Diese Belehrung ist mir mein Lebtag in Erinnerung geblieben alles an jenem ereignisreichen Tag.

Die Bäuerin rief uns ins Haus, die Mutter wolle sich verabschieden.

Mit gemischten Gefühlen betrat ich die Stube, stellte mich vor Mama hin und sagte: «Da du uns nicht mehr zurücknehmen willst, musst eben allein nach Hause gehen!»

Es war ein Notschrei aus meinem aufgewühlten Innern. Das Verhältnis zu meiner Mutter sah ich plötzlich aus einer ganz neuen Perspektive. Wir hatten schmerzhaft zur Kenntnis nehmen müssen, dass Mama nicht mehr uns gehörte und wir fühlten, dass wir ihr lästig waren.

Nachdem sie dann noch Markus «abgeliefert» hatten, hakte sich Mama bei Karl ein und flüsterte ihm zu: «Nun haben wirs geschafft, jetzt sind wir frei.» Markus stand zum Lebewohl winken gleich hinter ihnen und musste diese Worte mit anhören.

Bis zur letzten Minute gehofft, sie würde sich erbarmen und uns wieder mit nach Hause nehmen. Als sie aber gegen den Zufahrtsweg geschritten war, schwand jegliche Hoffnung dahin.

Wie angewurzelt blieb ich auf dem steinigen Vorplatz stehen. Im Geiste sah ich mein Zuhause, die Stadt mit den Laubenbogen, den Zytglogge und Papas Gartenhäuschen; ich hörte das singende Tram … Dies alles sollte ich für lange Zeit nicht mehr wiedersehen. Ich durfte nicht mehr an Mamas Hand über die Kornhausbrücke trippeln.

Verbittert und traurig blieb ich im Hof und starrte auf die Topinamburstauden, hinter denen meine Angehörigen verschwunden waren. Ich fühlte mich verlassen; allein unter fremden Leuten auf diesem Bauerngut.
Basler Zeitung, 10. September 2004
Der Bund, 14. September 2004
Schweizer Bibliotheksdienst, 8. Oktober 2004
Thuner Tagblatt, 20. Oktober 2004
Der kleine Bund, 13. November 2004
Schweiz aktuell, 26. November 2004
Surprise, 20. Dezember 2004
Leben & Glauben, 21. April 2005
PFAD, Fachzeitschrift für das Pflege- Adoptivkinderwesen, Mai 2005
Sektor Erziehung, Basler Gewerkschaftsbund, Juni 2005
Zeitlupe 4/2006
Mittelland Zeitung, 14. April 2009

«Dora Stettlers Kindheitserinnerungen lesen sich so unmittelbar, dass man ihr Buch nur tief bewegt zur Seite legen kann. Noch lange nach der Lektüre bleibt einem der einfache, fast nüchterne Ton ihres Lebensberichtes im Gedächtnis; ein Ton, der nicht von Selbstmitleid oder Hass, sondern von Vergebung zeugt.» Mittelland Zeitung

«Dora Stettler hat viel zu sagen – und immer wieder eines: Ein Kind vergisst keine einzige Demütigung.» Basler Zeitung

«In einfacher, aber eindringlicher Sprache erinnert sich die Bernerin Dora Stettler an die Zeit als Verdingkind bei einer Emmentaler Bauernfamilie.» Thuner Tagblatt

«Ist das denn menschenmöglich? Ein erschütterndes Zeugnis über soziale Zustände in der ‹guten alten Zeit›, die gar nicht so weit zurückliegt.» Basler Zeitung

«Unfasslich, unglaublich – diese Worte drängen sich auf, wenn man Dora Stettlers schmales Buch nach der Lektüre beiseite legt. Doch aus dem Lesegedächtnis lassen sich diese Aufzeichnungen nicht so schnell verdrängen. In einfachen, ungeschminkten Worten führt die Autorin, die 1927 in Bern geboren worden ist und heute in Muri lebt, die Leserschaft an die Orte der Qual zurück, wo die beiden Schwestern – im Buch Elsbeth und Käthi genannt – während vier Jahren haben ausharren müssen. Sofort denkt man an die ähnlichen Schicksale, die Rosalie Wenger, Rosmarie Buri, Arthur Honegger oder Walter Matthias Diggelmann erlitten und später beschrieben haben.
(...)
Das schlichte Buch weckt Respekt. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr hat aus heutiger Sicht des Pflegekinderwesens ein Nachwort beigesteuert, dem man irritiert entnimmt, dass der Bundesrat erst 1978 eine rechtliche Grundlage für die Aufnahme von Pflegekindern geschaffen hat. Deren Verordnungen überlassen jedoch die Angelegenheit den Kantonen bzw. den Gemeinden, und noch immer haben einige Kantone die Weisungen nicht umgesetzt. So muss man befürchten, dass etliche Missstände nicht völlig ausgerottet sind.» Der Bund

«Dora Stettlers erschütternde Erinnerungen an ihr Leben als ‹Verdingkind› gehören in jeden Schweizer Haushalt.» Mittellandzeitung

«Die Kindheitserlebnisse, die sie vor 30 Jahren auf Zettel zu notieren begann, berühren, sind emotional und doch erstaunlich sachlich gehalten. Mit feinem Gespür entwirft Dora Stettler ein geradezu ethnologisches Bild jener fremden Welt. Unbegreiflich ist ihr, dass diese Menschen sich gottesfürchtig gaben, aber im Alltag nicht danach lebten. Rachegefühle hat Dora Stettler, die ihr Leben später gut gemeistert hat, keine. Die gelernte technische Zeichnerin hatte eine gute Anstellung bei der Hasler AG und der PTT. Am Arbeitsort hat sie aber bewusst ihre schwierige Lebensphase ausgeklammert: ‹Als Pflegekind abgestempelt zu sein, hätte mich im Beruf behindert.› Davon ist sie fest überzeugt. Mit Minderwertigkeitsgefühlen kämpfe sie manchmal heute noch.» Der Bund

»Im Stillen klagte ich die Welt an«

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Die drei Geschwister «Markus», «Käthi» und «Elsbeth» im Jahr 1930

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«Käthi» (im Bildvordergrund links in der Schürze mit Kirschenmuster) mit seiner Schulklasse in Zäziwil 1936

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«Käthi» und «Elsbeth» im Juni 1941

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