ich bin die Schwalbe von einst / eu sun la randolina d\
Luisa Famos

ich bin die Schwalbe von einst / eu sun la randolina d'ünsacura

Gedichte aus dem Nachlass. Rätoromanisch und Deutsch

Übersetzt und mit einem Nachwort von Mevina Puorger Pestalozzi, Franz Cavigelli / Mit einem Vorwort von Iso Camartin

128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 3 Faksimiles
2. Aufl., Juli 2010
vergriffen
978-3-85791-462-1
Die Lyrikerin Luisa Famos starb 43-jährig in ihrem Heimatdorf Ramosch im Unterengadin. Die lebensfrohe, schöne und umworbene Frau ist mit ihren beiden Lyrikbänden «Mumaints» und «Inscunters» wohl die berühmteste Dichterin des Engadins. 1995 erschienen die beiden Lyrikbände in Neuauflage mit deutscher Übertragung.

Dem veröffentlichten Werk der Dichterin fügt sich ein lyrischer Nachlass an; ein Grossteil davon erscheint hier, drei Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod, editorisch erschlossen.

Die Gedichte von Luisa Famos sind Gedichte des Abschieds, vom geliebten Du in den Liebesgedichten, vom Leben in den Gedichten des Todes. Ihre Bilder sind die des Ursprungs allen Lebens. Belebt wird diese Welt von luftigen Wesen, von Vögeln, für Luisa Famos allen voran von Schwalben, ihrem deklarierten Alter Ego: Sie ist die Schwalbe, die immer weiter und höher kreist, die schwarze Schwalbe, die ihre letzten Kreise am weissen Haus zieht.
Luisa Famos
© Limmat Verlag

Luisa Famos

Luisa Famos, geboren 1930 in Ramosch im Unterengadin, arbeitete als Lehrerin. Moderatorin der ersten rätoromanischen Fernsehsendung im Schweizer Fernsehen. Zusammen mit ihrem Mann und den beiden Kindern längerer Aufenthalt in Venezuela und Honduras. Nach der Rückkehr in die Schweiz wohnhaft in Bauen und Ramosch. Gestorben 1974.

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Mevina Puorger Pestalozzi

Mevina Puorger Pestalozzi

Mevina Puorger Pestalozzi (1956), aufgewachsen in Chur, Romanistikstudium an der Universität Zürich, Promotion über die rätoromanische Dichterin Luisa Famos. Seit 1985 Wohnsitz in Zürich, Dozentin für Rätoromanische Sprache und Literatur an der Volkshochschule Zürich und an der Universität Zürich. Übersetzt aus dem Rätoromanischen und Italienischen und ist Herausgeberin (v.a. rätoromanischer Literatur in zweisprachigen Ausgaben) für den Limmat Verlag und führt ihren eigenen Verlag. Verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

www.editionmevinapuorger.ch

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Franz Cavigelli

Franz Cavigelli

1946 in Zürich geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte 1976 bis 1992 Lektor beim Diogenes Verlag und nachher Programmleiter beim Manesse Verlag, seit 1992 Leiter des Bücherdienstes der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

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Die Gedichte der Luisa Famos
Iso Camartin

I

I

La terra cumainza
A trar il flà

Die Erde beginnt
Zu atmen

II

II

Utschels da fö
Traversan il tschêl

Feuervögel
Durchqueren den Himmel

III

III

Eu spet cha’l tschierchel
Da las stagiuns as serra

Ich warte, dass der Kreis
Der Jahreszeiten sich schliesst


‹Ich höre Klänge – Triefend von Leben
Gedanken zum lyrischen Nachlass von Luisa Famos
Mevina Puorger


Anmerkungen

Zeittafel

Index

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Die Gedichte der Luisa Famos

Iso Camrtin


Wörter in einem Gedicht sind wie Schlüssel zu einem Haus, durch dessen Türen wir die Schutzräume unserer Gefühle betreten. Losungsworte, die uns in mehr gewünschte als gekannte Umgebungen bringen. Sesamworte, die uns die Türen erschliessen zum Glanzgebiet der Sprache, wo die Welt auf einmal anders aufleuchtet, als wo man sie nur in üblicher Weise bespricht. Oder wie es ein deutscher Romantiker sehen wollte: Zauberworte mit Verwandlungsmacht, die das Lied erlösen aus jedem Ding, das da stumm vor sich hin träumt.

Ich habe in den vergangenen Jahren eine überraschende Erfahrung gemacht. Wenn ich in Reden, Vorträgen oder Debatten, die sich mit dem bündnerromanischen Kulturraum befassten, auf ein Gedicht der Luisa Famos zu sprechen kam, erhöhte sich innert weniger Augenblicke die Spannung und Aufmerksamkeit im Publikum. Als ob dieser Frau eine Mischung von Neugierde und Zuneigung geradezu auf Abruf entgegen flöge. Selbst bei Leuten, die kaum mehr als ihren Namen kennen und von Gedichten sich in der Regel weder behelligen noch seelisch überrumpeln lassen. Sie ist zur Magierin mit der Zaubergerte geworden, die die geschützten und abgehärteten Zonen unseres Innenlebens aufzuweichen versteht und aufleben lässt. Ihren Worten und ihren Bildern zu widerstehen ist kaum möglich. Es ist eine Verführung ohne Blendung und ohne Druck. Schon eher eine sachte Berührung. So wie ein Wind manchmal unsere nackte Haut streift und ein neues Körpergefühl weckt.

Was ist das Geheimnis dieser Sprachkraft, die schon bei leiser Berührung die Wände im Haus unserer Gefühle vibrieren lässt? Ich vermute: es ist der Klang dieser Gedichte. Und es ist eine Haltung zur Welt, die ohne Abschweifung und Ablenkung direkt aufs Wesentliche zielt.

Der Klang zunächst: Sie ist eine raffinierte Sprachmusikerin, diese Luisa Famos. Wie sie mit Lautwerten umgeht, mit Kontrasten, Wiederholungen, Verstärkungen im Klangrepertoire des Unterengadinischen – mit hörbarem Einsatz von Ramoscher-Eigenarten und Varianten –, das ist fabelhaft und seltsam festlich, ohne je pompös zu sein. So als verstünde eine Musikerin in besonders perfekter Weise, die Klanggeheimnisse und die Lautfülle ihres Instrumentes zu erschliessen. Selbst wenn sie von dunklen und schweren Dingen spricht: sie klingen kristallin, transparent, niemals schrill und atemlos. Manchmal spürt man geradezu so etwas wie die Klarheit einer Choralmelodie, oder die Verlässlichkeit eines Widerhalls. Und in den Liebesgedichten baut sie gegen Ende manchmal eine Klanghöhle, in die sich die Liebenden geschützt zurückziehen dürfen. Ich denke, dass kein hellhöriger Mensch daran zweifeln wird, welch schöne Sprache das bünderromanische Vallader ist, sobald man in die Klangwelt der Gedichte der Luisa Famos einsteigt.

Aber gewiss spielen die Inhalte ihrer Gedichte eine ebenso wichtige Rolle. Dieser Scharfblick fürs Wesentliche, diese Ferne zu Firlefanz und Flatterwerk, diese intime Nähe zu den ursprünglichen Eigenschaften der Dinge: das greift so tief in unser Verständnis der Welt wie in unser Selbstverständnis ein. Es sind die kleinen Dinge, die die grössten werden müssen, um am Leben nicht vorbei zu leben. Was man sieht, wenn man aus dem Fenster blickt; was man erlebt, wenn man den Herbst spürt; was man hört, wenn der Wind bläst; was man sich erträumt, wenn man im Dunkeln liegt. Der Wolkenhimmel, ein Augustnachmittag, der Schatten, den Schwalben im Flug auf die Hauswand werfen, das Gefühl für die rinnende Zeit im Innern des eigenen Körpers: aus Umkreisungen und Vergegenwärtigungen solcher Dinge bestehen die Gedichte der Luisa Famos. Und immer wieder das Geheimnis der Liebe: dieses Streben, dieses Sehnen, diese einkehrende und wieder ausziehende Erfüllung. Die zwei von Luisa Famos selbst komponierten Gedichtbände, zuerst in rätoromanischer Sprache, später im Band «Poesias» vereint und auch in deutscher Õbersetzung herausgegeben, enthalten Erinnerungen, Gegenwartsaugenblicke, Zukunftshoffnungen, Todesahnungen, die dicht gesättigt sind mit greifbarer Sinnlichkeit und zugleich durchzogen von jenem Stoff, aus dem die Wünsche gemacht sind. Niemand legt diesen Band unbetroffen aus der Hand. Da ist jemand dem Geheimnis des Lebendigseins ganz nahe gekommen. Eine sanfte und leise Botschaft bleibt im Lesenden zurück: Versuche auch du, dem Wesentlichen nicht auszuweichen!

(...)

Gedicht

Tü hast invüdà
Tuottas stailas per
Mai
Meis tschêl arda
Nos tschêl arda
Perquai ch’eu nu sun
Buna da fuormar
Meis pled
Stoust spettar e
'Stoust crajer e
Stoust sperar
Cur cha tü hast
Invüdà tuottas stailas per
Mai
Cur cha meis tschêl arda
Cur cha ma not es
Sclerida
Sun buna da fuormar
Meis pled
Per tai
Meis pled
In tai.

Du hast alle
Sterne in mir
Entfacht
Mein Himmel brennt
Unser Himmel brennt
Da ich mein Wort
Nicht bilden
Kann
Musst du warten und
Musst du glauben und
Musst du hoffen
Wenn du
Alle Sterne entfachst in
Mir
Wenn mein Himmel brennt
Wenn meine Nacht
Licht ist
Dann kann ich
Mein Wort bilden
Für dich
Mein Wort
In dir.

 
Neue Zürcher Zeitung, 21. August 2004
St. Galler Tagblatt, 26. Februar 2005
Reflexe, Schweizer Radio DRS 2, 29. März 2005
Saiten, April 2005
Orte, Schweizer Literaturzeitschrift, Nr. 139, März/April 2005

«(...) Das lyrische Ich richtet sich an ein geliebtes Du, an einen geliebten Menschen, an Gott. Es sind Gedichte der Leidenschaft, des Leidens, Gedichte der Liebe, Gedichte der Mutterschaft, Gedichte des Todes. Die Fragen zum Sein finden Ausdruck in der Beschreibung der Jahreszeiten, des Herbsts vor allem, des Abends, der Nacht, des Himmels und des Feuers. Die Bilder kreisen um den Ursprung allen Lebens. Dies gilt auch für jene Gedichte, die der Nachwelt in Manuskripten hinterlassen blieben. Die vier Elemente - Wasser und Feuer, Luft und Erde - sind Eckpfeiler; Feuer und Erde nehmen dabei einen dominanten Platz ein. Das Feuer der Liebe und des Todes in den Sternen, vom geliebten Du im Ich entfacht; Feuervögel durchqueren den Himmel, und der grosse Schnee löscht das brennende Herz.
Belebt wird diese Welt von luftigen Wesen, von Vögeln, allen voran von der Schwalbe, dem erklärten Alter Ego der Dichterin. Sie selbst sieht sich als Schwalbe, die immer weiter und höher kreist, ihr gehört die schwarze Schwalbe, die ihre letzten Kreise am weissen Haus zieht. Die Kreise der Schwalben werden zu den sich schliessenden Kreisen der persönlichsten Jahreszeit der Schreibenden, zum Herbst ihres Lebens. Ohne Pathos hat Luisa Famos mit solch klaren Kontrasten ihr Leben und Sterben in knappe Worte gefasst.
Sie wusste um die Kraft ihres Wortes, lässt uns ihr Lied ‹unter dem Gewölbe / der Kirche San Flurin / verborgen / irgendwo› finden, lässt es uns lesen und verstehen und lehrt uns, ihm Sorge zu tragen.» Neue Zürcher Zeitung
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