Eine kleine Ungarin und andere Geschichten
Broschur, 128 Seiten, 34 Fotografien / Abbildungen
vergriffen
Juni 2011Wie Grandmama Cécile von den Penacook-Indianern gefangen wurde und von ihnen Korbflechten lernte. Wie ‹Oncle Georges› bereits als 13-jähriger Artist im ‹Moulin Rouge› auftritt, wo er prompt vom noch unbekannten Toulouse-Lautrec aufs Tischtuch gebannt wurde. Wie dessen Schwager und Partner Grock Bilder von Nazigrössen an die Wand hängt, bis das bewunderte Deutschland von ihm selbst einen Arierausweis verlangt … Raymond Naefs Grosseltern, Eltern und Verwandte haben ihm immer wieder Abenteuer und Andekdoten aus der Familiengeschichte erzählt. Als er im Jahr 2008 selbst Grossvater wurde, begann er aufzuschreiben, was er davon für bewahrenswert hielt. Auch selbst erlebte ‹kleine Sensationen› fügte er hinzu. Die dreissig ‹wahren› Geschichten mit illustrierenden Abbildungen sind ein überraschendes Familienalbum über ein ganzes Jahrhundert. Sie erzählen von Ferdinand Hodler oder Fritz Brupbacher wie von russischen Offizierstöchtern und Nazis, von Revolutionären wie revoltierender Jugend.
Pressestimmen
«In einer einfachen, pointierten und gut lesbaren Sprache erzählt Naef von den alltäglichen Leiden und Freuden seiner Familie. Gleichzeitig wirken diese Geschichten wie ein Streifzug durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Kriege, Flucht, Wirtschaftswunder, gesellschaftliche Veränderungen, Pubertät, Liebe und Alter – das Buch von Raymond Naef umfasst unprätentiös das Leben von Menschen und zeichnet ein Bild des 20. Jahrhunderts. Schön ist zudem, dass ‹Eine kleine Ungarin› auch Fotos der ‹guten› alten Zeit enthält.» Züriberg
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Noch spannender waren Onkel Georges' Schilderungen aus seinem eigenen, langen und bewegten Leben. Georges stammte aus dem Baskenland. Seine Eltern Catherine und Edouard Laulhé unterhielten als singende, tanzende und musizierende Akrobaten das Publikum unzähliger Variété-Theater in Frankreich und Spanien. Schon sehr früh lehrten sie ihren Sohn Kunststücke vorführen, Geige und Banjo spielen. Und weil sie immer unterwegs waren, besuchte der kleine Georges keine Schule. Lesen und Schreiben brachten ihm seine Eltern bei. Der Knabe liebte dieses Wanderleben zu dritt, doch das Glück der kleinen Familie währte nur wenige Jahre. Während eines Gastspiels in Bordeaux starb Georges Mutter völlig unerwartet an einer Lungenentzündung.
Kaum zehn Jahre alt, musste Georges nun mit seinem Vater eine neue kleine Nummer einüben. Schon bald traten Vater und Sohn unter dem Namen «Lolé & Lolé» auf, 1895 auch im legendären «Moulin Rouge» in Paris. Eigentlich durften 13-jährige Kinder nicht auf die Bühne, doch Monsieur Zidler, der Direktor des Theaters, erhielt bei der Stadtverwaltung eine Spezialbewilligung. Schon bald war der Knabe bei den Tänzerinnen und Artisten «Hahn im Korb». Sie bewunderten und förderten das Talent des Jungen. «La Goulue», Cancan-Tänzerin und vor kurzem noch grosser Star der Revue, sorgte sogar dafür, dass der Knabe Tanzund Gesangsunterricht erhielt. Kein Wunder also, fühlte sich Georges im «Moulin Rouge» wie zuhause, auch mit den Stammgästen verstand sich der Knabe bestens. Nur ein kleingewachsener Kunstmaler, der fast jeden Abend im Theater sass, war ihm etwas unheimlich. Stumm, streng, scharf beobachtend, was rund um ihn und auf der Bühne so geschah, bannte der Besucher Publikum und Artisten mit ein paar Strichen auf ein grosses Blatt, manchmal auch direkt aufs Tischtuch aus Papier.
Eines Abends bewunderte Georges nach der Vorstellung die Silhouetten von «Lolé & Lolé» und einigen Tänzerinnen auf zwei eben hingeworfenen Skizzen. Da räumte der Künstler Glas und Flasche weg, faltete das Tischtuch sorgfältig zusammen und schenkte dem jungen Georges dieses und ein kleines Blatt mit weiteren Zeichnungen, als Erinnerung an seine ersten Auftritte im «Moulin Rouge».
Erst viele Jahre später hat Georges es bitter bereut, diese Skizzen des danach weltberühmt gewordenen Kunstmalers Henri de Toulouse-Lautrec irgendwann achtlos weggeworfen zu haben.
