Abgefahren! Im Zug mit Katja Walder
Pendlergeschichten
Mit Fotografien von @kusito
Broschur, 1. Auflage, 30 vierfarbige Fotos, 192 Seiten
November 2012Keine schaut und hört so genau hin wie sie: Die Pendlerin Katja Walder belauscht im Zug ihre Mitreisenden und berichtet der pendelnden Schweiz brühwarm von ihren Beobachtungen: In ihrer kultigen Kolumne 'Abgefahren!' der Pendlerzeitung 'Blick am Abend'. Seit über vier Jahren erzählt sie von telefonierenden Angebern, feixenden Tussis, penetranten Essensgerüchen, altklugen Kindern, frechen Rentnern und vom rettenden Selectaautomaten ― scharf beobachtet, immer liebevoll, immer warmherzig. Dieses Buch bringt 133 ihrer besten Geschichten, illustriert mit 30 Fotos des Berner Pendlers @kusito, der seine Visavis heimlich knipst und die Ausbeute auf Twitter präsentiert.
Pressestimmen
«Kurze Geschichten über den alltäglichen Wahnsinn des Pendelns, kleine Anekdoten aus dem Innenleben des öffentlichen Verkehrs.» Blick am Abend
«Die Schweizer Pendlerszene hat einen sichtbaren Star mehr.» Blick am Abend
«Die einzelnen Episoden sind kurz, bündig und haben einen ähnlich hohen Suchtfaktor wie eine Schachtel Pralinen.» Voyage voyage
«Eine absolut gelungene Publikation, die jedes Pendlerherz höher schlagen lässt.» @lesezirkel
«Dieses Büchlein ist abgefahren gut und beschert Lachsalven ohne Ende. Ein Kleinod, schön gemacht, schön anzuschauen und anzufühlen.» lesefieber.ch
«Bestechend klar und pointiert.» St. Galler Tagblatt
«192 Seiten pralles Schweizer Pendlerleben und fast so viele umwerfende Storys. Diese Kolumnen sind ein goldiges Zeitdokument. Wenn Oscar Wild für die Bildzeitung schreiben würde, ‹Abgefahren› wäre das Resultat. Man will mit jeder Seite mehr. Die Ferien-, Nachttisch- oder warum auch nicht ― Pendlerlektüre schlechthin!» Sonntag
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*Name geändert
Gerötet, aufgeschwollen und schwer l iegen unsere Füsse auf dem Zugsitz. Wir waren wandern. Und natürlich halten wir uns an die Anstandsregel Nummer eins im Zug: Keine Füsse auf dem Polster ohne Unterlage (ein liegengebliebener «Blick am Abend» muss herhalten, Seite 31 … da schreibt eine etwas über eine Sbrinz-Sauce. Das passt).
Von nebenan: Tadelnde Blicke eines älteren Wandervogel-Ehepaars. «Typische Anfänger», denken die bestimmt.
«Einmal den Creux du Van bewandern und schon meinen, sie seien naturverbunden …»
Im Partner-Look sitzen die beiden da; nennen wir sie Ruth und Kurt.
«So, hütt gitts nüüt meh z’ässe!», beiehlt Kurt.
«Nei, ich mögt au gar nüüt meh», verteidigt Ruth sich.
Und er doppelt nach: «Nix und nüüt!»
Beide schauen während des Gesprächs angestrengt aus dem Fenster. Ich lausche weiter. Die beiden waren mit einer Wandergruppe unterwegs. Und tun nun das, was man tut, wenn man nach einer Gruppenveranstaltung wieder allein ist: Sie lästern und hecheln alle durch.
«Aso de Architäkt, de Ernscht, weiss ächt sini Frau, das er elei id Schtadt gaht?», fragt sie und schaut dabei immer noch aus dem Fenster.
«Die weiss doch alles!»
Schweigen.
«Weisch, sie seit scho, es isch ere gliich.»
«Das isch doch dere nöd gliich.»
Und so geht es weiter. Von der Frage, ob nur die Schulden die beiden zusammen halten bis zur theoretischen Abhandlung, was nun wäre, wenn sie ihn endlich verlassen würde, diesen Ernst. Und was macht Ernst? Sitzt unterdessen bestimmt mit seiner Frau im Zug nach Basel: «De Kurt und d’Ruth, wie lang gisch dene beidne no? Die händ sich au nüme vill z’säge.»

Theorie 1: Die beiden haben sich via Schatzchäschtli kennengelernt. Möglicher Text: «Hey du, langi schwarzi Haar, ha di geschter xeh i dä S 8, dis Lächlä hätt mär d'Heifahrt versüesst! Morn widär um di gliich Ziit, gliichä Wagä?» Sie hat angebissen. Ein verlegenes «Hallo, wie gahts, wer bisch, was machsch»-Smalltalk und beschnuppern, bis Dietlikon.
Theorie 2: Die beiden arbeiten in einer Grossbank, er im Controlling, sie im Kundenkontakt. Per Mail sind sie ins Flirten gekommen. Ohne zu wissen, wer hinter den Buchstaben steckt. Bis heute. Da haben sie den Schritt gewagt. «Wie wärs mit einem Feierabend-Drink?» hat sie geschrieben. Und er hat nervös und aufgekratzt zugesagt. Dass beide mit der S 8 nach Hause müssen, war Zufall.
Vielleicht trifft aber auch Theorie 3 zu: Die beiden haben sich beim Chatten kennengelernt. Er als Gigolo81, sie als SweetGirl. Mit dem verbalen Schlagabtausch kam das Kribbeln, entwickelten sich Gefühle und die Sehnsucht, sich endlich zu treffen. Vorsichtig wie man ist, erstmal nur zu einem Drink, das hat die beste Freundin dem SweetGirl so geraten: «Dann bist du ihn schnell wieder los!» Dass er auch in die S 8 musste, war Pech. Welche Theorie stimmt, werden wir nie erfahren. Denn «bis irgendwann wieder mal, oder so» klingt gar nicht gut.
