Kurt Blum – Gegenlicht
Fotografien
Mit Texten von Nanni Baltzer, Martin Gasser, Sylvie Henguely, Thilo Koenig, Fred Zaugg / Herausgegeben von Martin Gasser / Herausgeber Fotostiftung Schweiz
gebunden, 1. Auflage, 197 Duplexfotografien und 23 vierfarbige Abbildungen, 256 Seiten
Juni 2012Der in Bern geborene Kurt Blum (1922–2005) gehört zu den herausragenden Schweizer Fotografen der Nachkriegszeit. Neben Reportagen für illustrierte Zeitschriften schuf er ab den 1950er-Jahren immer auch freie künstlerische Arbeiten, die er in Ausstellungen und Büchern präsentierte. Schwerpunkte in seinem Schaffen sind die ab den späten 1940er-Jahren entstandenen Künstlerporträts, grössere Werkgruppen zu den Themen Tanz und Oper sowie eine intensive fotografische Auseinandersetzung mit Industrie und Arbeit. Zwar ehrte ihn der Kanton Bern 1983 mit dem 'Grossen Preis für Fotografie und Film', doch eine umfassende Gesamtschau seines fotografischen Werkes kam Zeit seines Lebens nie zustande. Die gilt es nun mit einem Buchprojekt der Fotostiftung Schweiz, das auf der detaillierten Aufarbeitung des fotografischen Nachlasses von Kurt Blum beruht, nachzuholen.

Bildrechte: Claire Roessiger
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Blums persönliche fotografische Bildsprache, die sich gleichermassen von der Sach fotografie eines Hans Finsler wie von der durch Arnold Kübler geförderten Repor – tagefotografie abheben sollte, hatte sich an ganz anderen Orten entwickelt als in den Laborräumen der Landesbibliothek: in Künstlerateliers in der Berner Altstadt, die Blum seit Ende der 1940-er Jahren vorerst aus Neugier, dann mit wachsender Leidenschaft frequentierte. Immer wieder tauchte er mit seiner Kamera in die Atmosphäre der Berner Kunstszene ein und liess sich von ihrem Schwung – hin und wieder auch von ihrer Tristesse – treiben, berauschen und inspirieren. Er realisierte schnell, dass er mit Fotografie nicht nur Abbilder der Realität erzeugen, sondern subjektiv empfundene und bewusst komponierte Bilder schaffen konnte, die weit mehr evozierten, als was auf ihrer Oberfläche sichtbar war. Blum und seine Kamera wurden zu Komplizen in einer innovativen und kreativen Kunstszene, die während den 1950-er Jahren dank Arnold Rüdlinger, dem damaligen Leiter der Kunsthalle Bern, zunehmend ins Zentrum des Schweizer Kunstgeschehens rückte. Durch Rüdlinger erhielt Blum Zugang zueiner Vielzahl von Schweizer und internationalen Künstlern, die er spontan auf der Strasse, im Atelier oder bei Gesprächen porträtierte. Darüber hinaus realisierte er unzählige Stimmungsbilder an Vernissagen, bei Atelierbesuchen, während Diskussionen am Restauranttisch, bei Tanzveranstaltungen und Künstlerfesten, die alle eine intensive Lebendigkeit und Unmittelbarkeit ausstrahlen – Porträts und Schnappschüsse, die Blum 1970 in einer grossformatigen und dynamisch gestalteten Buchmaquette als eine Art Zeitbild mit dem Titel «Au milieu des artistes» zusammenführte.
Mit genau dieser Art sensibler Fotografie hatte Kurt Blum erste Erfolge anWettbewerben und Ausstellungen gefeiert – etwa in Deutschland im Kreis der «subjektiven fotografie» um Otto Steinert. Doch in der Schweiz war damit nicht viel Geld zu verdienen. So erstaunt es wenig, dass sich Blum wie viele seiner Kollegen der Zeitschriftenfotografie zuwandte. Aber auch da gelang ihm trotz einiger herausragender Re portagen der grosse Durchbruch nicht, er erfolgte erst nach einem Intermezzo als UNESCO-Experte für Fotografie und Film in Pakistan. Wenige Monate nach seiner Rückkehr publizierte er ein facettenreiches Buch über Genua (1958), gefolgt vom selbst gestalteten Pictures of a Factory (1959), in dem er mit kontrastreichen Schwarzweiss-Fotografien ein funkensprühendes, beinahe infernalisch wirkendes Bild eines Stahlwerks in Norditalien entwarf. Und unmittelbar danach fotografierte er im Auftrag der Editions Rencontre in den grossen Opernhäusern der Welt für das Buch J'aime l'Opéra (1962), das, gestaltet von Jacques Plancherel, eine Art leuchtende Gegenwelt zur dunklen Fabrik darstellt. Feuer, Funken und Rauch in der Fabrikhalle, gleissendes Scheinwerferlicht und tiefe Schatten auf der Opernbühne, fast körperlich spürbare Hitze bei den Schmelzöfen, die kühle Atmosphäre beim Eintreffen der Stars in Bayreuth, flüchtige Momente, unscheinbare, aber vielsagende Details – Blums subjektive Sichtweise fand weit herum Beachtung.
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