Karl Geiser, Fotografien
Herausgegeben von Fotostiftung Schweiz / Mit einem Vorwort von Peter Pfrunder
gebunden, 224 Seiten, 153 Abb.
März 2007Karl Geiser, einer der bedeutendsten Schweizer Bildhauer des 20. Jahrhunderts, hat neben Skulpturen und Zeichnungen auch Tausende von Fotografien hinterlassen. Sie zeigen einen intensiven und liebevollen Blick auf Menschen, die ihn faszinierten – im Atelier und auf der Strasse. Dabei bediente sich Geiser einer Bildsprache, die heute erstaunlich modern anmutet. In grosser Freiheit und ohne Rücksicht auf fotografische Konventionen schuf er mit der Kamera eine sehr persönliche Chronik seiner Gefühle. Geisers Skulpturen sind heute ein wenig in Vergessenheit geraten. Seine Fotografien zeugen in unverminderter Frische von einer künstlerischen Vision, die uns noch immer tief berührt.
50 Jahre nach Geisers Tod würdigt dieses Buch sein fotografisches Schaffen.

Bildrechte: Raphael Hadad

Bildrechte: Karl Geiser (Selbstporträt)

Bildrechte: Martin Stollenwerk
Pressestimmen
«Vor allem auf Reisen in Frankreich und Italien zeichnete und fotografierte er intensiv. Die Bilder, die er bei einem Besuch der Biennale Venedig in den verarmten Wohnquartieren der Stadt machte, zeigen Kinder, Frauen und Männer bei ihren alltäglichen Verrichtungen. Gleich, ob alleine oder in Gruppen, ordnen sie sich selbstverständlich in ihre Umgebung ein, werden zu lebenden Skulpturen im Raum. Der Blick des Bildhauers hebt ihre Würde und Lebendigkeit hervor und zeigt zugleich das Umfeld, aus dem diese sich speisen. Die Zeichnungen und Fotografien zeigen aktive Menschen, keine Opfer. Mit Stift und Leica wird Karl Geiser zu einer Art Bertolt Brecht der bildenden Kunst. Fotografie wurde ihm zum «epischen Genre». Damit weist er auf eine Entwicklung voraus, welche die zeitgenössische Kunst viele Jahrzehnte nach ihm in breitem Masse vollzog.» NZZ am Sonntag
«Geisers Thema ist immer vor allem die Schönheit und Anmut, die unbewusste Sinnlichkeit und die Anteilnahme an seinen Modellen..» Neue Zürcher Zeitung
«Geisers Bilder verblüffen immer wieder mit einer Eigenständigkeit und einer Modernität, wie man sie aus jenen Jahren nicht erwarten würde.» Der kleine Bund
«In ihrer Verbindung von Humanismus, Homoerotik und sexueller Aufladung von Klassenunterschieden erinnern Geisers Männer und Ephebenporträts an Pasolini und seine ‹ragazzi di vita›. Die Sinnlichkeit, Unaufgesetztheit und Unmittelbarkeit seiner Fotografien verleiht Karl Geisers grosser und tragischer Menschenliebe einen Ausdruck, der auch heute noch gültig wirkt.» Tages-Anzeiger
«David Streiff weitet die Publikation über das rein Kunst- und Fotogeschichtliche hinaus aus zu einer eigentlichen Charakterstudie des sensiblen Künstlers.» Neue Luzerner Zeitung
«Seine Bilder leben nicht von der Information, sondern von den Emotionen. Aus heutiger Sicht auch interessant zu sehen, wie der anhaltende Fitnesswahn unsere Vorstellung des Körpers verändert hat.» Kontakt
Entdecken
Von all dem ist Karl Geiser weit, sehr weit entfernt. Als Künstler bewegt er sich klar ausserhalb des Netzwerks der angewandten Fotografie. Fotojournalismus oder klassische Porträtfotografie sind für ihn keine Referenzfelder. Kommt dazu, dass seine künstlerischen Ambitionen auf die Bildhauerei ausgerichtet sind – die Fotografie ist ihm eine Nebenbeschäftigung, und sie ist nur bedingt für die Öffentlichkeit gedacht. Gerade dies erlaubt ihm jedoch eine freie, spontane, unbelastete Nutzung des Mediums. Der Akt des Fotografierens hat für Geiser mehr Bedeutung als das schöne Bild am Ende: eine Möglichkeit, sich vom Leidensdruck in der Bildhauerei zu befreien, eine Gelegenheit, sein hungriges Auge zu befriedigen oder, durch Strassen und auf Plätzen flanierend, sein Begehren zu sublimieren. Reinhold Hohl sprach in einem wegweisenden Aufsatz von 1988 vom «wunderbaren Fischzug des Menschenfischers Karl Geiser», um dessen Umgang mit der Kamera zu charakterisieren. Tatsächlich verhält sich seine Fotografie konträr zu den von 1920 bis 1950 vorherrschenden Auffassungen: sie ist radikal subjektiv, sie ist unverhohlen emotional, sie ist rauschhaft-obsessiv. Karl Geiser interessiert sich nicht für technische Perfektion; unscharfe oder verwackelte Bilder können ihm durchaus wichtig sein. Seine Fotografie lebt nicht von der Information, sondern von den Emotionen, nicht von der gut gelösten Aufgabe, sondern vom Glücksgefühl des Schauenden. Sie forscht aber auch nach den Bildern im Kopf, ordnet die Wirklichkeit nach Bildideen – und wirkt aus heutiger Sicht um so moderner und eigenständiger. In ihren besten Momenten nimmt sie eine Ästhetik vorweg, die erst in der darauf folgenden Generation, inspiriert von Künstlern wie Robert Frank (geboren 1924), zum Durchbruch gelangt.
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Karl Geiser
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