Cap Arcona 1927–1945

Cap Arcona 1927–1945

Märchenschiff und Massengrab

gebunden, 53 Abbildungen von historischen Postkarten, 240 Seiten

April 2015
SFr. 34.80, 34.80 € / E-Book SFr. 29.80
ISBN 978-3-85791-769-1

Bald nach ihrer Jungfernfahrt im Herbst 1927 wurde die Cap Arcona zum Lieblingsschiff reicher südamerikanischer Familien. Während nobel gekleidete Herren und Damen mit Bubiköpfen und Topfhüten tropische Sommernachtsfeste auf dem Sportdeck feierten, fuhren im Schiffsbauch südeuropäische Saisonarbeiter nach Argentinien und Brasilien. 1936 brachte der Schnelldampfer Athleten und Touristen an die Olympischen Spiele in Berlin, in den folgenden Jahren jüdische Flüchtlinge aus Deutschland nach Südamerika. In Gotenhafen diente der Dreischornsteindampfer 1942 als Drehort für einen deutschen Titanic-Film. Nachdem die Cap Arcona im Frühjahr 1945 in zwei Fahrten Soldaten, Verwundete und Zivilistinnen in den Westen evakuieren konnte, wurde sie in der Neustädter Bucht als schwimmendes KZ genutzt. Als am 3. Mai, wenige Stunden vor dem Einmarsch der alliierten Truppen, Jagdbomber der RAF das vermeintliche Truppentransportschiff versenkten, kamen über viertausend Häftlinge ums Leben. Illustriert mit zahlreichen zeitgenössischen Ansichtskarten, die das Schiff, seine Innenräume und die angelaufenen Hafenstädte zeigen.

Stefan Ineichen
Bildrechte: Limmat Verlag
Stefan Ineichen, geboren 1958 in Luzern, lebt als Ökologe und Schriftsteller in Zürich. Buchveröffentlichungen u. a. «Die wilden Tiere in der Stadt. Zur Naturgeschichte der Stadt», Herausgeber der «Sagen und Legenden der Schweiz» von Meinrad Lienert. Seit 2000 Projektleiter der Veranstaltungsreihe «NahReisen», die Ausflüge in und um Zürich anbietet. Im Limmat Verlag sind erschienen: «Endstation Eismeer. Schweiz – Titanic – Amerika», «Zürich 1933–1945. 152 Schauplätze» sowie «Himmel und Erde. 101 Sagengeschichten aus der Schweiz und von ennet den Grenzen» (vergriffen).

«Ein Sachbuch, das sich wie ein Roman liest.» Tages-Anzeiger

«Das Schiff wird hier als Vehikel eines Friedens auf Zeit porträtiert, des prekären Wohlstands zwischen den Kriegen, im Spiegel der mondänen und illustren Passagiere.» Darmstädter Echo

«Die Beschreibung von Anekdoten und Details gestaltet der Autor insbesondere durch die Verwendung vieler Zitate aus unterschiedlichsten Quellen – von Reiseberichten über Briefe bis hin zu Memoiren – sehr lebendig.» DAMALS Magazin

«Ein Schiff gleichsam als Chiffre für Aufstieg, Glanzzeit, Niedergang und Katastrophe einer Nation – eine Symbolik, die faktenbedingt schon immer bestand. Stefan Ineichens Verdienst ist es, sie ohne jegliches Pathos, aber mit breitem Wissen und sicherer Hand für die Auswahl des Wesentlichen aufgezeigt zu haben. Ein talentierter Erzähler.»  Information zur Schleswig-holsteinischen Geschichte

Wie an den vorangegangenen Tagen brachte eine Barkasse am Morgen dieses 3. Mai die Leichen der seit der letzten Fahrt auf der Cap Arcona verstorbenen Häftlinge an Land. Auf der Cap Arcona herrschte nach wie vor Ungewissheit über das weitere Schicksal der Häftlingsschiffe. Es kursierte das Gerücht, dass die Schiffe mitsamt den Gefangenen versenkt werden sollten. Allerdings sprach die Anwesenheit von SS, Marinesolda- ten und Schiffsbesatzung vorläufig gegen eine von offizieller Seite ge- plante Zerstörung der Cap Arcona und der Thielbek.

Kapitän Bertram war am 29. April in Hamburg mitgeteilt worden, «dass der Graf Bernadotte von Schweden sich soeben bereit erklärt hätte, die Häftlinge mit Ausnahme der deutschen zu übernehmen». Graf Folke Bernadotte ist seiner Aussage zufolge jedoch nie in dieser Hinsicht kontaktiert worden.

Viele der auf verschiedenen Hierarchiestufen für die Räumung der Häftlinge Zuständigen werden während der chaotischen Auflösungsphase des Dritten Reichs keine klare Vorstellung davon gehabt haben, was mit den noch lebenden Häftlingen geschehen sollte. Wichtig war primär, dass sie weg waren, weg zuerst aus Hamburg und dann aus Lübeck. Beide Städte konnten häftlingsfrei und «ordentlich» an die britischen Truppen übergeben werden, die Beseitigung sämtlicher Gefangenen war gelungen – beseitigt im Sinn von abtransportiert oder getötet. Als die ersten britischen Soldaten am 5. Mai 1945 das KZ Neuengamme inspizierten, fanden sie ein menschenleeres Lager vor.

In Anbetracht des Vorgehens der alliierten Luftstreitkräfte, die nach der Zerstörung Dresdens von der Städte-Bombardierung abgerückt waren und sich in den letzten Kriegswochen auf Infrastrukturanlagen, Bahnhöfe und Verkehrsmittel konzentrierten, die in Tieffliegerattacken angegriffen wurden, lag es auf der Hand, dass die in der Neustädter Bucht präsentierte Versammlung von Großschiffen, U-Booten und anderen Einheiten der Marine zum Ziel britischer Jagdbomber werden musste.

Kapitän Bertram schätzte diese Gefahr richtig ein, wenn er bei seiner ursprünglichen Weigerung, Häftlinge an Bord zu nehmen, bemerkte, «dass es in Anbetracht des ungeheuren Risikos zur See während eines modernen Krieges unverantwortlich ist, Menschen ohne die unausweichliche Notwendigkeit ihrer Beförderung zur See, noch dazu in einer derart mas- 207 sierten Form, an Bord zu nehmen». Auch Gauleiter und Reichskommissar für die Seeschifffahrt Karl Kaufmann (der – ohne sich je vor einem Gericht verantworten zu müssen – 1969 als gutsituierter Bürger in Hamburg starb) und dem Hauptverantwortlichen für die Räumung von Neu- engamme, dem Höheren SS- und Polizeiführer Georg-Henning Graf von Bassewitz-Behr (der 1949 in einem ostsibirischen Gefangenenlager ums Leben kam), wird dieses «ungeheure Risiko» bekannt gewesen sein.

In der Nacht auf den 3. Mai hatte der Hamburger Stadtkommandant den Briten die kampflose Übergabe der Stadt angekündigt. Lübeck stand bereits unter britischer Besatzung, auf der Cap Arcona waren am 3. Mai in aller Frühe Detonationen zu hören und zu spüren, als die Kriegsmarine etwa vierzig U-Boote und andere Einheiten versenkte, damit diese nicht den Alliierten in die Hände fielen. Der Vorstoß der Briten nach Neustadt wurde in den nächsten Stunden erwartet.

Die Häftlinge, die Monate, Jahre oder über ein Jahrzehnt einer grauenhaften Gefangenschaft hinter sich hatten, glaubten die Befreiung greifbar nahe. Polnische Häftlinge, denen es irgendwie gelungen war, Esswaren aufzutreiben, luden Freunde für den Abend zu einer Feier ein: «Hast du schon gehört? Es ist Frieden. Wir feiern. Komm um viertel nach sechs zu unserer Kabine. Es gibt Brot und Margarine.»

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