'In den wilden Bergschluchten widerhallt ihr Pfeifen'
Als Zürcher Ingenieur beim Bau der Yunnan-Bahn in Südchina 1903–1909
Übersetzt von Gabriela Zehnder / Mit einer Einleitung von Ursulia Meister / Herausgegeben von Paul Hugger, Sylvia Agnes Meister
gebunden, 103 Fotos, Pläne, Karten und Abbildungen, 224 Seiten
September 2014Neben den britischen Eisenbahnstrecken im südlichen Afrika gehört die Yunnan-Bahn in Ostasien zu den ehrgeizigsten und spektakulärsten kolonialen Eisenbahnprojekten des vergangenen Jahrhunderts. Auf insgesamt 855 Schmalspurkilometern überquert ein Zug nicht weniger als 173 Brücken und durchfährt 158 Tunnel. Mindestens 12 000 der insgesamt 60 000 einheimischen und etwa 80 Arbeiter der europäischen Subunternehmer starben während des Baus der Eisenbahn, viele an Malaria. Die privaten Briefe und offiziellen Berichte Otto Meisters geben einen fesselnden Einblick in den Alltag dieses gewaltigen Unternehmes in den Schluchten und Sümpfen Südchinas. Die Texte werden reich illustriert durch Bilder aus dem Fotoalbum Otto Meisters. Ein Bericht von einer Schiffsreise 1929 auf dem Yangtse mitten in den Bürgerkriegswirren rundet diesen Erlebnisbericht aus dem vorrevolutionären China ab.

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Gabriela Zehnder, geboren 1955, lebt und arbeitet als freiberufliche literarische Übersetzerin aus dem Französischen und Italienischen im Tessin. Sie übertrug Werke von Autoren wie Ignacio Ramonet, Emmanuel Bove, Jean-Luc Benoziglio, Adrien Pasquali, René Laporte, Muriel Barbery, Giuliana Pelli Grandini, David Bosc, Corinna Bille. Neben Prosatexten übersetzt sie auch Theaterstücke und Lyrik.

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Pressestimmen
«Zum Glück für die Nachwelt macht Otto Meister nicht nur Aufzeichnungen über das gewaltige Bauunternehmen, sondern beschreibt auch den Alltag in den Schluchten und Sümpfen im Süden Chinas.» Ruizhong
Entdecken
Man hatte uns gesagt, bei km 80 sei ein Lager für uns bereit. Aber «pu ju», wie die Chinesen sagen, es war noch nicht angefan- gen. Also hiess es zuerst Häuser bauen. Ich fand bei km 79 hoch oben auf einem Felsenvorsprung einen hübschen Platz, Licht, Luft, Wasser waren da. In 2 Wochen waren die Baracken fertig. In der Zwischenzeit hatten wir in A-Pen, km 88, gehaust, zusam- mengepfercht wie Häringe, z. T. unter Zelten. Wir waren herzlich froh, unser neues «Heim» zu beziehen. Wir waren da allerdings recht in der Wildnis, weit ab von der Zivilisation. Unser Brot backten wir selbst, den Postdienst musste selbst einrichten, selbst Ochsen, Schweine, Ziegen kaufen, selbst den Doktor und Apo- theker machen. Nun wir befanden uns da ganz wol, und die Arbeit rückte vorwärts, und wir waren durchaus nicht angenehm überrascht, als am 18. iv. ein furchtbarer Sturm unser ganzes La- ger über den Haufen warf, wie Kartenhäuser. Wir verbrachten ei- nige schlimme Nächte in unsere nassen Decken gewickelt, nur notdürftig geschützt gegen Wind und Regen, unter den Ruinen unserer ehemaligen Herrlichkeit, bevor es mir gelang, die nötigen Pferde zum Umzug nach Pé-Ho, km 74, aufzutreiben, wo ein ver- lassenes Lager bestand.
Seitdem sind wir hier, mehr schlecht als recht. Das Lager ist zwar gut gebaut, liegt aber ganz unten im Tale, die Luft ist jetzt schon, im Mai, oft sehr heiss und feucht. Der fast tägliche Regen kühlt kaum, und die Sonne sticht nur umso mehr nachher. Wir haben daher auch immer viele Kranke, 20, 30, ja 40 %. Im Mittel kann man fast auf einen Viertel rechnen. Ich selbst befinde mich zwar wol, bin sogar einer von den 2 einzigen, die bis jetzt nie we- gen Krankheit zu Hause bleiben mussten. Aber die Aussicht war doch nicht hübsch, nachher noch, wie mir angezeigt worden war, noch in die 1. Sektion, die vielberüchtigte, wo auch Herr See- mann gewesen war, hinunterzusteigen.
