Welche Heimat?
Zwei jüdische Lebensgeschichten. Chaviva Friedmann und Emanuel Hurwitz
gebunden, 1. Auflage, 42 Fotografien, farbig und s/w, 184 Seiten
April 2014Chaviva Friedmann wurde 1925 in Berlin geboren als Hannelore Cäcilie Rosshändler. Kurz vor der Kristallnacht wurde ihr Vater deportiert. 1939 gelangte sie nach Palästina, wo sie noch Briefe von den Eltern erreichten, bevor der Kontakt für immer abbrach. Chaviva Friedmann half mit, einen Kibbuz aufzubauen und wurde später Krankenschwester. 1965 kam sie in die Schweiz, wo sie zehn Jahre später ihren Mann kennenlernte. Emanuel Hurwitz wurde 1935 in Zürich geboren. Bis 1945 war er in der Schule antisemitischen Äusserungen ausgesetzt, gegen die sich weder die Lehrer noch die Eltern wehrten. Emanuel Hurwitz wurde Psychiater und Psychoanalytiker. Aus Protest gegen die einseitige Unterstützung der PLO trat er 1983 als SP-Kantonsrat zurück und aus der Partei aus. Als Buchautor thematisierte er den Antisemitismus als kollektiven Wahn. So verschieden die beiden Leben verlaufen sind, so sehr sind beide geprägt von der feindlichen Umgebung und der Frage, wo Heimat zu finden sei.

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Daniela Kuhn, geboren 1969, publizierte als freie Journalistin in verschiedenen Printmedien mit thematischem Schwerpunkt Alter und Psychiatrie. Seit 2016 verfasst sie Auftragsbiografien und bietet Textcoachings an. Im Limmat Verlag sind von ihr bisher sieben Bücher erschienen.

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Pressestimmen
«So unterschiedlich beide Leben verlaufen sind, so sehr sind beide geprägt von der Frage nach Zugehörigkeit.» Ferment
«Wer im eigenen Land geboren ist und da lebt, für den ist dies seine Heimat, weil er oder sie sich heimisch fühlt. Wo ist die Heimat für jemanden, der an verschiedenen Orten gelebt hat, flüchten musste oder im eigenen Land aufgrund seiner Abstammung angefeindet wird? Ein Buch, das auch zeigt, wie schwierig es sein kann, sich in einer Gemeinschaft ‹heimisch› zu fühlen.» p.s. Zeitung
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Es liegen somit zwei jüdische Lebensgeschichten vor, die stellvertretend für ihre Generation sind. Typisch sind sie allerdings nicht, denn beide Gesprächspartner haben sich für unkonventionelle Wege entschieden. Sie haben sich im Laufe ihres Lebens immer wieder neu orientiert, sei es gesellschaftlich oder privat. Zuweilen schreckten sie auch vor radikalen Veränderungen nicht zurück. Was beide über ihr ganzes Erwachsenenleben jedoch als stabil und eindeutig positiv erlebten, waren ihre Berufe. Für Chaviva waren es auch ihre Freundschaften.
Beide Protagonisten haben auch mit meiner Geschichte zu tun: Als meine Mutter 1967 aus Israel nach Zürich kam, stellten ihr Bekannte Chaviva vor, die damals als Krankenschwester in der Klinik Bircher Benner arbeitete. Die beiden Israelinnen freundeten sich an, verloren sich in den kommenden Jahren dann aber wieder aus den Augen.
Vor drei Jahren fanden sie sich unter einem Dach wieder: Beide leben heute in einer Wohnung des jüdischen Altersheims in Zürich-Wiedikon. Chaviva wohnt zusammen mit Otto Friedmann, ihrem Mann.
Als ich Chaviva im Februar 2013 zum ersten Mal begegnete, sprach sie von einer Zeit, an die ich keine bewusste Erinnerung habe. Sie erinnerte sich etwa, wie ich als kleines Kind auf dem Sofa herumgeklettert bin. Und sie begann, mir ihr Leben zu erzählen. Ihre Rede glich einem reissenden Fluss. Offenbar war ich im richtigen Moment gekommen, denn Chaviva sagte: «Vor zehn Jahren wäre ich noch nicht bereit gewesen, dir das alles zu erzählen.»
Vor zehn Jahren hätte mir auch Emanuel Hurwitz seine Geschichte nicht offengelegt, weil er damals noch seine Praxis führte. Sie war mir während Jahren ein wichtiger Ort und Emanuel Hurwitz als Psychotherapeut eine prägende Figur für mein weiteres Leben.
Als ich ihn im Mai 2013 anfragte, ob er mir für dieses Buch sein Leben erzählen würde, rechnete ich mit einer Absage. Doch nach einer Bedenkzeit von wenigen Tagen sagte Emanuel Hurwitz zu. Als wir kurz darauf begannen, uns zu treffen, überraschte er mich ein zweites Mal. Denn er sprach sehr offen und liess schmerzhafte Brüche nicht aus, auch sehr persönliche Begebenheiten, die andere Personen betreffen, weshalb sie im vorliegenden Text nicht einfliessen konnten.
Die lebhafte Berlinerin und der in sich ruhende Analytiker unterscheiden sich in ihrem Wesen. Beide haben mich beeindruckt: Chaviva mit ihre Lebensbejahung, Emanuel Hurwitz mit seiner Menschlichkeit. Ich danke beiden für ihr Vertrauen.
Daniela Kuhn, März 2014
