Der kleine Buddha

Der kleine Buddha

Geschichten, Lieder und Gedichte. Mit CD

gebunden, 96 Seiten

Juli 2021
SFr. 29.80, 29.80 €
ISBN 978-3-85791-686-1

Seit Jahren schreibt Linard Bardill in der «Coopzeitung» eine Kolumne: über das Wetter, den Blick aus seinem Fenster, seine Erfahrungen auf der Bühne, über Politik. Das grösste Echo aber hat er, wenn er über den «kleinen Buddha» schreibt, so nennt er seinen Sohn mit Downsyndrom. Dieser macht sein Leben anstrengend, weise und reich.

«Der kleine Buddha» versammelt den ganzen Kosmos rund um das Leben mit diesem ‹stillen Meister›. Die Kolumnen erzählen die Geschichten und Erlebnisse mit dem besonderen Familienmitglied, das radikal im Jetzt lebt und seine Umgebung mit grossen Momenten beschenkt. Die Gedichte sind seit seiner Geburt entstanden und antworten poetisch auf das Leben mit ihm. Die beigelegte CD – eine Art Liederhörbuch, aufgenommen an Bardills Ateliertisch in Scharans – schliesst persönlich, lebenstief und klein-Buddha-weise diesen Reigen aus Staunen, Leben und Begreifen.

Linard Bardill
Bildrechte: Toini Lindroos
Linard Bardill, geboren 1956 in Chur. Nach der Matura per Autostopp nach Indien, danach Theologiestudium. Ab 1986 folgen bis heute Bühnenprogramme, CDs, Bücher und Tourneen in Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Rätoromanisch für Kinder (z.B. «luege, was der Mond so macht» oder «Was i nid weiss, weiss mini Geiss») und Erwachsene («1 Traum & 12 Lieder», «Labyrinth», «Han di gära wie du wirsch»). Vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Salzburger Stier. Linard Bardill hat fünf Kinder und lebt in Scharans GR.

«Mit den Kolumnen über ‹den kleinen Buddha› hat Bardill sich in den letzten Jahren in die Herzen einer grossen Leserschaft geschrieben. Es sind Alltagsgeschichten, die er mit seinem achtjährigen Sohn Liun erlebt, der mit Down-Syndrom auf die Welt kam. Berührende Momentaufnahmen, die den Blick auf das Leben schärfen.» Schweizer Fernsehen

«‹Der kleine Buddha› eröffnet dem Sänger und Erzähler Linard Bardill, der auf der Bühne vom genialen Sidekick Bruno Brandenberger am Kontrabass ergänzt wird eine neue, entschleunigte Weltsicht. Eine, die auch auf das Publikum übergeht.» Tages-Anzeiger zum Bühnenprogramm

«Sie werden sich gern von der positiven Grundhaltung anstecken lassen und an den Geschichten vom kleinen Buddha, an den Gedichten und Liedern Ihre Freude haben.» Heinrich Boxler, Literaturvermittler

«Bardill gibt Anregungen zum glücklichen Leben mit Kindern, mit und ohne Syndrom. Wie wunderbar, dass dem kleinen Buddha der Weg ins Leben nicht verwehrt wurde! Es gäbe dieses Buch nicht.» Bündner Bauer

«Ein wertvoller Geschenkband für Erwachsene.» Glarner Woche

«Bardills Sprache ist bildhaft, verspielt und wunderbar alltäglich vertraut. Sie ist authentisch, wirkt im Moment und ist doch zauberhaft gesetzt. Dies passt zu seinem im Jetzt lebenden Sohn, für den nur der Moment zählt und wichtig ist.» SchweizerDeutsch

Seit fünf Jahren schreibe ich für die meistgelesene oder vielleicht auch nur meistdurchgeblätterte Zeitung der Schweiz eine Kolumne. Das ist eine schöne Herausforderung, und es ist eine Chance. Kann ich doch tun, was so mancher gerne täte: meine Meinung sagen! Zum Wahnsinn der Welt, den Mächtigen, die Kriege planen, zum tödlichen Geldsystem, zu den Flüchtlingen, zu Ritalin, zur Angst vor dem Sterben und zu Sparlampen.

Beim Schreiben kommt auch der Blick aus meinem Fenster nicht zu kurz. Immer geschehen Dinge, die mich erfreuen und inspirieren: Kinder am Brunnen, Nachbarn, die Blumen giessen, Touristen, die winken, ein Hund, der bellt.

Am liebsten aber schreibe ich über den kleinen Buddha, unseren Sohn mit Downsyndrom. Er ist so etwas wie ein Lehrer, ein stiller Meister. Er hat mich in manches Geheimnis eingeweiht: ins Zirpen der Grillen, ins Wühlen der Maulwürfe, in den Gesang der Holderblüten und ins Haschen nach Wind. Er hat mein Ego aufgemischt und mir vorgelebt, was es bedeutet, gegenwärtig zu sein. Wann immer ich über ihn schrieb, bekam ich Briefe, Mails, ganze Lebensberichte. Manchmal auch nur ein Lächeln – auf einem Bahnhof, im Hallenbad oder auf einem Ausflug.

Ich danke dem Leben, meiner Frau und unserer Tochter, dass wir gemeinsam den kleinen Buddha begleiten dürfen und dass ich das Privileg habe, der halben Welt unsere Geheimnisse ausplaudern zu dürfen.
Aufgelöst war ich nach dem ersten Blick. Die erste Begegnung war die gegenseitig gestellte, erschrockene Frage: «Was, du hast ein/kein Downsyndrom?» Etwas Besonderes durfte unser Kind schon sein, aber behindert?

Die Worte der Kinderärztin – unsere Verbundenheit ist zu einer Freundschaft gewachsen, für die ich, wie für alle Menschen, die uns zur Seite standen und stehen, unendlich dankbar bin – trage ich seither in meinem Herzen: «Gib ihm, was er braucht: Wärme, Geborgenheit und vor allem Liebe. Alles Weitere werdet ihr zusammen lernen.»

Das war für mich ein Anfang auf dem Weg zu mir selbst. Denn Selbsterkenntnis ist nur möglich, wenn die Selbstbezogenheit überwunden und das Herz für die Welt und für andere Menschen offen steht.

Lange dachte ich, es gebe ein Leben vor der Geburt meiner Kinder und eines danach. Was den Unterschied ausmacht? Meine Kinder lehren mich jeden Tag, dass es diesen Unterschied nicht gibt, dass das Leben unvergleichlich ist und ganz.
Mein kleiner Buddha ist eine Tankstelle! Immer wenn ich am Morgen zur Arbeit muss, will er mit. Aber ich kann ihn nicht mitnehmen. Dann weint er. Ich nehme ihn in die Arme, drücke ihn an mein Herz. «Cor a cor» nennen wir das auf Romanisch. Und er tankt, und ich tanke. Was genau, kann ich nicht sagen. Es dauert meist eine bis zwei Minuten.

Dann stelle ich ihn auf den Boden. Er sagt «Tschihiss», was so viel wie auf Wiedersehen heisst, und ich sage «Tschihiss». Ich renne dann die Treppe runter und versinke in meinem Berg Arbeit.

Während ich zum Wohl der Menschheit und meines Portemonnaies schufte, vergesse ich den kleinen Buddha. Da sind so viele wichtige Dinge: Steuererklärung, Suisa-Listen, Rechnungen. Keine Chance für meinen kleinen Buddha. Nicht einmal einen kleinen Moment denke ich an ihn. Ausser, etwas läuft schief: Ärger, Frust! Da nehme ich einen tiefen Atemzug, lehne mich nach hinten und schliesse die Augen.

Und siehe da. Er taucht auf, presst sich an meine Brust und sagt «Tschihiss». Mein Herz schlägt fest, ich spüre ein Kribbeln unter der Kopfhaut. Der Frust löst sich in Luft auf, der Ärger verraucht.