Moderne Poesie in der Schweiz
Eine Anthologie von Roger Perret
Mit einem Nachwort von Roger Perret
gebunden mit Fadenheftung, 1. Auflage, 40 Abbildungen, 4farbig und s/w, 640 Seiten
Oktober 2013113 Jahre Poesie: Diese Anthologie spiegelt das poetische Schaffen in der Schweiz im zwanzigsten Jahrhundert und bis heute. Die poetische Moderne beginnt in der Schweiz um 1900 mit einer Frau, die noch immer fast unbekannt ist, Constance Schwartzlin-Berberat, und sie beginnt mit Blaise Cendrars, Robert Walser und Adolf Wölfli. In einer ungezwungenen Chronologie folgt die Anthologie dem Lauf der Zeit. Sie ist so komponiert, dass unter den Gedichten Schwingungen und Resonanzräume entstehen, ein poetisches Gespräch, nicht als Zeitdiagnose, sondern eine Art Tiefenstrom der Geschichte. So sprechen Emmy Ball-Hennings mit Annemarie Schwarzenbach, Paul Klee mit Sonja Sekula, Hermann Hesse und Jörg Steiner mit Louis Soutter oder Erika Burkart mit Luisa Famos und Anne Perrier. Poesie wird hier erstmals in ihrer ganzen Breite präsentiert, lyrische Prosa ist ebenso berücksichtigt wie Wort-Bild-Arbeiten, Mundartgedichte oder Songtexte von Mani Matter über Endo Anaconda bis Sophie Hunger. Neben den Landessprachen sind die von Aus- und Eingewanderten vertreten, alle fremdsprachigen Texte sind in deutscher Übertragung wie im Original wiedergegeben, gegen sechshundert Werke von rund zweihundertfünfzig Autorinnen und Autoren in ihrer ganzen reichhaltigen und überraschenden Vielfalt erhalten hier eine 'kleine Poesie-Herberge'.

Bildrechte: Erik Bruehlmann
Pressestimmen
Schweizer Buchhandel
Der Bund, 18. Oktober 2013
Babel Festival di letteratura e traduzione, 28. Oktober 2013
Literatur & Kunst, 1. November 2013
Programmzeitung Basel, 1. November 2013
Luzerner Rundschau, 22. November 2013
NZZ am Sonntag, 24. November 2013
Kulturtipp, 28. November 2013
Seiten, 28. November 2013
Books Nr. 4/2013, 30. November 2013
SonntagsZeitung, 1. Dezember 2013
Neue Zürcher Zeitung, 3. Dezember 2013
Aargauer Zeitung, 5. Dezember 2013
Südostschweiz, 17. Dezember 2013
Schnabelweid SRF, 19. Dezember 2013
St. Galler Tagblatt, 31. Dezember 2013
Berner Zeitung, 09. Januar 2014 (Gespräch mit Roger Perret)
Süddeutsche Zeitung, 13. Januar 2014
Tessiner Zeitung, 17. Januar 2014
Zeitlupe, 20. Januar 2014
Südkurier, 30. Januar 2014
Schweizer Familie, 30. Januar 2014
Journal 21, 10. Februar 2014
DIE ZEIT, 13. Februar 2014
Fixpoetry, 15. Februar 2014
SchweizerDeutsch, 3/2013
Südkurier, 30. Januar 2014
SAX. Das Dresdner Stadtmagazin, Juni 2014
Deutsch Perfekt, September 2014
Poezibao, 12. September 2014
TZ Magazin, 8. Januar 2016
SRF Literaturclub, 04. Juli 2023
«Ein Buch, das in jedem Schweizer Haushalt aufgeschlagen liegen sollte.» Raoul Schrott
«Obwohl Roger Perrets Anthologie mit vielen literarisch hochwertigen Überraschungen aufwartet, liegt ihre Bedeutung nicht primär in ihrer literarischen Qualität, denn es zählt nicht das einzelne ‹Gelungene›. Gelungen ist vielmehr das Ganze in seiner Stimmenvielfalt, seinen Reibungen, Schwingungen, Brüchen, Resonanzen und Kontrasten.» Peter Hamm, Die Zeit
«So etwas hat es hierzulande (und wohl auch andernorts) noch nicht gegeben. Roger Perrets Anthologie ‹Moderne Poesie in der Schweiz› ist eine editorische und verlegerische Grosstat – und sie ist überdies und keineswegs zuletzt ein glänzendes Zeugnis der Kunst des Übersetzens. » Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung
«Perrets Anthologie ist so frei in ihrer Anlage wie sicher im Geschmack. Sie wirkt so umfassend an feldforscherischen Kenntnissen wie entschieden individuell in der Auswahl. Dies war nicht nur eins der besten Bücher im vergangenen Herbst und ein neues, ungewöhnliches Standardwerk, es ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wozu die gern jammernde und ebenso gern bejammerte Buchbranche im Stande ist.» Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung
«Diese Anthologie ist darum gerade auch da, wo sie Widerspruch und Einwand provoziert, eine erstklassige Herausforderung. Sie ist überdies ein phantastisches Lese- und ein unvergleichliches Hörvergnügen. Und zuletzt ist das schön in der Hand liegende Buch ein Fest fürs Auge.» Neue Zürcher Zeitung
«Man merkt die Absicht und ist erfreut: Erstmals gruppiert Perret Autorinnen und Autoren auch inhaltlich zusammen und setzt sich souverän über das hinweg, was wir gemeinhin als ‹Kanon› betrachten. Darin liegt die Klugheit dieser Antholgie, dass sie auf die Seelen- und anderen Verwandtschaften der helvetischen Dichter dies- und jenseits von Saane oder Gotthard verweist. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.» Carlo Bernasconi, Schweizer Buchhandel
«‹Moderne Poesie in der Schweiz› est une superbe anthologie représentative du modernisme danl la poésie en Suisse. (...) Il faut reconnaître que Roger Perret a réalisé avec cette imposante anthologie la vision quasi-quantique de la poésie contemporaine d’un pays dans toutes ses luminosités – un journal suisse se demandant même si cette sorte d‘entreprise existe ailleurs sur la planète (syndrome suisse partagé entre conservatisme et futurisme?).» Poezibao
«Es ist ein grandioses Lesebuch, eine Schatztruhe literarischer Kostbarkeiten und eine überzeugende Aufforderung, sich mit Schweizer Lyrik zu befassen. Roger Perret zeigt sich mit dieser Anthologie als profunder Kenner einheimischer Lyrik und als deren liebevoller Bewahrer. Diese Gedichte-Sammlung sollte in jeder Bibliothek stehen.» Schweizer Familie
«Große Würfe benötigen Geduld und Akribie. Beides hat Roger Perret für seine Anthologie der modernen Poesie in der Schweiz bewiesen. Sie präsentiert sich als ausgesprochen Schönes Buch. [...] Perret legt eine umfangreiche, umsichtige und zugleich persönliche Auswahl vor.» Südostschweiz
«Über 200 Dichterinnen und Dichter sind in der von Roger Perret herausgegebenen Anthologie ‹Moderne Poesie in der Schweiz› vertreten. Vielfältiger Stoff, um sich fest- und sattzulesen.» Journal 21
«È finalemente disponibile l'antologia della poesia svizzera, con un gran spazio anche agli italofoni.» Babel Festival di letteratura e traduzione
«Poesie wird hier erstmals in ihrer ganzen Breite präsentiert. Gegen sechshundert Werke von rund zweihundertfünfzig Autorinnen und Autoren sind in ihrer ganzen reichhaltigen und überraschenden Vielfalt enthalten.» Literatur & Kunst
«Eine neue, umfangreiche Anthologie, die das erstaunliche dichterische Potential hierzulande dokumentiert. Herausgegeben vom versierten Kenner Roger Perret. Eine Schatztruhe für lange Winterabende.» Programmzeitung Basel
«Roger Perret hat die gigantische Aufgabe auf sich genommen, aus dem riesigen Schtz von Schweizer Dichtungen der letzten hundert Jahre in allen vier Landessprachen eine AuAuswahl zu treffen. Das ist nicht nur aufwändig und verdienstvoll, sondern auch kühn. Höchst gelungen ist die Präsentation der Texte in allen Originalsprachen mit deutschen Übersetzungen und Nachdichtungen.» Zeitlupe
«Mit derart fundierter, dreifacher Freiheit ist beinah alles gewonnen.» St. Galler Tagblatt
«Die Anordnung der Anthologie betont auf beeindruckende Weise die literarische Vielfalt der Schweiz und weist zugleich stets über die Landesgrenze hinaus.» Fixpoetry
«Beeindruckend, dieser im doppelten Sinn gewichtige, grosszügig aufgemachte Band mit ‹modernen› Gedichten aus der Schweiz. Es gibt vieles zu entdecken – sprachen- und artenübergreifend (und hervorragend übersetzt), als eine Art ‹Tiefenstrom der Geschichte› komponiert.» SchweizerDeutsch
«Ganz klar als Standardwerk und Lexikon created.» Südkurier
«640 Seiten, in Leinen gebunden, zwei Lesebändchen, erhellendes Nachwort, üppige bibliographische Hinweise, ausgezeichnet als eines der besten Gedichtbücher des Jahres 2013. Völlig zu Recht. Ein wunderbares Buch!» SAX. Das Dresdner Stadtmagazin
«In einem Satz: magische Vorstellung der poetischen Moderne der Schweiz.» Deutsch Perfekt
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«Es gibt keine Einheit mehr.»
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Dieser Vers aus dem Gedicht «Kontraste»1 von 1913 stammt von Blaise Cendrars aus La Chaux-de-Fonds, der in Paris zum Dichter geworden war. Die Zeile ist Leitmotiv für den Beginn der lyrischen Moderne in der Schweiz. Cendrars’ Dichtung entwickelte sich in der schöpferischen Auseinandersetzung mit führenden Vertretern der literarischen Avantgarde wie Guillaume Apollinaire oder mit dem Kubismus von Pablo Picasso. Die damals entstandenen Gedichte zeichnen sich aus durch Multiperspektive, Zweifel an der Souveränität des literarischen Ich, autobiografische Grundierung, einfache Sprache, fragmentarische Sätze und Verzicht auf Interpunktion. In «Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der Kleinen Jehanne von Frankreich»2, einem simultanen Werk aus Worten und Farben, fand die Poesie dieses Autors ihren ersten Höhepunkt.
Cendrars’ Begriff von Poesie ist biegsam: Nicht umsonst heisst eine Sammlung seiner Gedichte «Neunzehn elastische Gedichte»3. Er montiert und collagiert Worte, schreibt fremde Texte ab und gibt sie in Gedichtform als eigene aus; Menükarten mit der Aufzählung von exotischen Speisen können ein Gedicht sein – auch Druckfehler und bewusst gesetzte orthografische Fehler bilden einen poetischen Mehrwert. Die Verse in Cendrars’ «Reiseblättern»4 beeindrucken durch eine gelassene Modernität. Die manchmal etwas gezwungen wirkenden früheren typografischen Experimente weichen einer ironischen Poetik des (Reise-) Alltags, wo das Banale und Unaufgeregte, genau und einfach benannt, Ewigkeitscharakter haben kann.
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Einige der formalen Innovationen dieses Dichters finden wir auch bei Robert Walser und Adolf Wölfli. Diese beiden Autoren haben ein unverwechselbares modernes Werk geschaffen und einen festen Platz in der Schweizer Literaturgeschichte. Hingegen sind die literarischen Arbeiten der Jurassierin Constance Schwartzlin-Berberat nur einem kleinen Fachpublikum bekannt. Ihre erstmalige Übersetzung ins Deutsche trägt dazu bei, die eigenständige Dichtung dieser Frau zu entdecken. Ein kritisches Sprachbewusstsein, kühne Wortneuschöpfungen oder formale Neuerungen sind einige Aspekte, die wir ebenfalls in den Texten der berühmten drei anderen Autoren finden. Der pionierhafte Charakter ihrer Werke und deren Bedeutung für die moderne Poesie der Schweiz ist evident. Ausgewählte Arbeiten dieser vier Persönlichkeiten bilden deshalb den Auftakt in dieser Anthologie.
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Zeitlich beginnt die Geschichte der modernen Poesie in der Schweiz mit einer Frau. Sie beginnt mit Constance Schwartzlin-Berberat, die um 1900 in einer psychiatrischen Klinik als schizophrene Patientin lebte und um diese Zeit ungewöhnliche Texte verfasste. Sie beginnt mit einer Frau, die sich nicht als Dichterin verstand, und sie beginnt mit einem Werk, das nicht an die Öffentlichkeit gerichtet war.
Schwartzlin-Berberats Texte finden sich in den sogenannten «Cahiers». Daneben schrieb sie auch ein poetisches Kochrezeptbuch. Beide Werke sind Produkt einer brodelnden Wortküche. Ihre gedichtartigen Texte, ohne Interpunktion und in einer ungewöhnlichen Typografie, erinnern an die «Calligrammes»5 von Guillaume Apollinaire oder an das bahnbrechende «Un coup de dés …»6 von Stéphane Mallarmé. Der Sinn lässt sich nicht wie in konventionell angeordneten Texten allein durch die übliche Lesart entschlüsseln. Manchmal ist zusätzlich ein vertikales Lesen nötig oder eines von rechts nach links. In einzelnen Texten ist ein Wort übergross und füllt allein eine Seite aus. Dieser kalligrafisch-bildnerische Aspekt gibt ihm eine skulpturale Dimension.
Die dichterische Welt dieser Aufzeichnungen ist im Grunde – und das ist ihre Modernität – eine «fortgesetzte Reflexion über die Sprache»7, eine oft sinnlich aufgeladene Abstraktion. Und thematisch reicht diese Dichtung vom Stuhlgang bis zum Paradies.
In einem von Schwartzlin-Berberats Texten heisst es: «Es sind die Gestalten des / Wahnsinns die (…) / sind alles / in / der Anstalt / und sie sind / nichts.»8 Diese messerscharfe Analyse müsste bezüglich der Rezeption ihres und von anderen in Kliniken entstandenen Werken umformuliert werden: Für die Welt ausserhalb der Klinik waren die «Gestalten des Wahnsinns» nichts. In ihren Arbeiten hingegen erkennt man heute wichtige Aspekte der künstlerischen Moderne.
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1 S. 11.
2 S. 28.
3 Die Sammlung «Dix-neuf po mes élastiques» erschien 1919 in Paris.
4 Die Gedichtsammlung «Feuilles de route. 1. Le Formose» erschien 1924 in Paris.
5 Die Sammlung «Calligrammes. Po mes de la paix et de la guerre (1913–1916)» erschien 1918 in Paris.
6 Das Buch «Un coup de dés jamais n’abolira le hasard. Po me» erschien 1914 in Paris.
7 Constance Schwartzlin-Berberat. In: Der letzte Kontinent. Bericht einer Reise zwischen Kunst und Wahn. Ein Bilder- und Lesebuch mit Materialien aus dem Waldau-Archiv. Herausgegeben von Michel Beretti und Armin Heusser, Zürich 1997, S. 20.
8 S. 22.
