Spitzeltango

Spitzeltango

Roman

gebunden, 1. Auflage, 208 Seiten

August 2013
SFr. 34.50, 34.50 € / E-Book SFr. 19.90
ISBN 978-3-85791-729-5

Robert Brown, Professor für Germanistik in Iowa City, landet in Zürich, eingeladen zu einem Vortrag über Max Frisch. In seinem früheren Leben hiess er Robert Brönimann und war hier in einen politischen Attentatsversuch verwickelt. Seine beiden Mitkämpfer, der pensionierte Tramführer Pippo und der gescheiterte Filmemacher und Tangotänzer Hermi, hadern mit ihrem Leben und dem Lauf der Welt. In der Nacht vor Browns Landung wird ihr damaliger Anwalt tot in der Limmat gefunden. Nicht alle glauben an einen Unfall des grünen Politikers. Hat der Exgenosse und Wendehals Anton Tscharner etwas mit seinem Tod zu tun? Hatte nicht dieser sie damals verraten? Oder war es Sara, die Mitverschwörerin von der Goldküste, die mit allen ins Bett ging? Nochmals flackert politischer Aktivismus auf, nochmals tun sie sich zusammen. Das Leben hält ihnen ein paar überraschende Quittungen bereit.

Emil Zopfi
Bildrechte: Marco Volken

Emil Zopfi, geboren 1943, studierte nach einer Berufslehre Elektrotechnik und arbeitete als Computerfachmann und Erwachsenenbildner für Informatik und Sprache. Autor von Romanen, Hörspielen, Kinder- und Jugendbüchern. Er lebt heute als Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schweizer Jugendbuchpreis, dem Kulturpreis des Kantons Glarus und dem Albert Mountain Award.


«Eine spannende, auch politische Geschichte über die letzten 45 Jahre in Zürich - von den Anfängen der Vietnamkriegsgegner über die gewerkschaftlichen Aktivisten, die Auseinandersetzungen innerhalb der Linken, über Spitzeltätigkeiten, Siege, aber vor allem über Niederlagen beim Versuch «das werktätige Volk» für die Revolution und die Überwindung des Kapitalismus zu gewinnen. Ein Buch, das die vielen Veränderungen – nicht nur baulicher Art – innerhalb der Stadt Zürich in dieser Zeit aufzeigt – spannend und mit viel Lokalkolorit.» p.s. Zeitung

«Ein spannend zu lesender Roman um politische Korruption und politischen Widerstand, mit einer Fülle zeitgeschichtlicher und literarischer Bezüge. Der temporeich erzählte Roman, halb Politthriller, halb Alterselegie, überzeugt durch eine turbulente Handlung, psychologisch stimmige Porträts und atmosphärische Dichte. Breite Empfehlung.» ekz Bibliotheksservice

«Spitzeltango lässt die 68er Bewegung nochmals aufleben, mit originellen Akteuren auf komisch-skurrile Art abrechnen und ein kleines Politdrama inszenieren. Emil Zopfi ist ein unterhaltsamer Erzähler, der mit viel Lokalkolorit Zürichkenner erfreuen wird. Seine Helden sind zwar alt geworden, aber kein bisschen müde!» Sempacher Woche

«Nach zahlreichen Krimis aus den Glarner Bergen begibt sich der 70-jährige Autor und passionierte Bergsteiger Emil Zopfi ins Flachland. Sein «Spittzeltango» ist aber nur am Rande ein Krimi, sondern vielmehr ein Gesellschaftsroman rund um die Züricher 68er-Bewegung – ausgestattet mit feinfühligen Beobachtungen über die Unzulänglichkeiten des Älterwerdens und einem Schuss Wehmut.» Kulturtipp

«Komisch und berührend zugleich. Dem in Zürich lebenden 70-jährigen Autor ist über einen spannenden Krimi hinaus ein authentisches Gesellschaftsbild gelungen.» Berner Zeitung

Neben einer Steinsäule am Limmatquai kauerte eine Frau vor einer Art Altar mit brennenden Kerzen in roten Gläsern, Blumensträussen und handgeschriebenen Zetteln. «Martin, wir lieben dich.» – «In Erinnerung an unsern Freund Martin Kunz.» An die Säule war ein Bild geklebt, aus einer Zeitung geschnitten. Ein älterer Mann mit sichelförmigem Schnurrbart, geröteten Wangensäcken, melancholischem Blick. Das Gesicht eines Alkoholikers.

Robert blieb stehen. Martin, dachte er, unverkennbar, auch nach so vielen Jahren. Die junge Frau sah zu ihm hoch, sie trug einen Filzhut, flach wie ein Suppenteller, einen violetten Schal um den Hals geschlungen. An einem Lederband baumelte ein Friedenszeichen aus Messing, Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht.

«Haben Sie Martin gekannt?» Ihr Gesicht war nass, von derkühlen Luft gerötet. Sie senkte ihren Blick, beschäftigte sich wieder mit den Kerzen und den Blumen.

«Er war mal mein Anwalt.» Robert griff sich an den Hals, als ob er den Klumpen lösen könnte, der ihm das Atmen schwer machte. «Er ist also tot.»

Sie nickte, zog ihre Unterlippe ein, ihre Mundwinkel zuckten. «Ein so engagierter, feiner Mensch.» Sie stand auf, lehnte sich ans Gitter, deutete auf einen Brückenpfeiler. «Da hat man ihn aus dem Wasser gezogen. Es war kein Unfall, wie die Polizei behauptet, bestimmt nicht.»

Martin Kunz. Die Erinnerung war da und zugleich der Schmerz. Der Stich hinter dem Auge. Robert hielt sich am Geländer fest.

«Ist Ihnen nicht gut?»

«Geht gleich vorüber. Was ist mit Martin?»

«Sie haben ihn umgebracht.»

«Sie?»

«Die Baumafia. Spekulanten.» Ihre Hände umklammerten das Geländer so fest, dass ihre Knöchel weiss wurden. «Er hat ihre korrupten Geschäfte vermasselt.» Gemeinderat der Grünen sei er gewesen, Präsident der Baukommission.

«War er nicht früher bei den Sozis?»

«Schon möglich.»

«Er war ein guter Anwalt.»

Sie lehnten nebeneinander am Geländer, schauten in den Fluss. Spiegelnde Lichter tanzten auf den Wellen. Robert hielt den Schirm so, dass er die junge Frau halb bedeckte. Ariane hiess sie. Sie war klein, er musste etwas in die Knie gehen. Ihre Finger spielten mit dem Friedenszeichen. Die Sätze des Songs gingen ihm wieder durch den Kopf. Einmal waren sie wichtig gewesen, in Zürich, in dem Leben hier. Er sagte sie halblaut vor sich hin. Eine zweite Strophe fiel ihm ein.

 

Wie lange brauche ich schon, um
anzukommen,
wann bin ich losgegangen,
wie lange schon gehe ich,
seit wann gehe ich.


Er war losgegangen, vor langer Zeit. Irgendwohin, nirgendwohin. Er war amerikanischer Staatsbürger geworden, Professor für Deutsche Sprache und Literatur, eingeheiratet in eine wohlhabende Familie von Republikanern, Baptisten mit Verbindungen. Er war Vater und seit kurzem Grossvater.

«Schön, das Gedicht. Von wem ist es?»

«Ich erinnere mich nicht mehr. Wird mir aber schon wieder einfallen.»

Ariane kettete ihr Fahrrad vom Geländer los, schob es neben sich her, während sie das Limmatquai entlang gegen den See spazierten.