In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
Roman
gebunden, 3. Auflage, 224 Seiten
August 2025Gadi lebt als Dozent für hebräische Sprache in Zürich, als sein Vater in Israel im Sterben liegt. Über dreißig Jahre hatte er keinen Kontakt mehr zu ihm. Wider Willen reist er ans Krankenbett des Vaters, nach seinem Tod bleibt ein unbequemes Erbe: eine Tasche mit Tagebüchern und Aufzeichnungen sowie der letzte Wunsch, die Hälfte seiner Asche solle in den Tigris gestreut werden.
Als Gadi in einem der Hefte zu lesen beginnt, begegnet ihm nicht nur ein unbekannter Vater, sondern auch ein dunkles Kapitel der irakischen Geschichte: die Vertreibung der dort seit über 2500 Jahren ansässigen jüdischen Bevölkerung unter tatkräftiger Hilfe der Nationalsozialisten. 1934 in Bagdad geboren, erlebte Gadis Vater die Ausgrenzungen bis zu den Pogromen und der Flucht nach Israel. Trotz seiner Widerstände kann sich Gadi nicht mehr von der Geschichte seines Vaters lösen und beschließt, mit der Urne nach Bagdad zu reisen.
Ein eindrücklicher Roman über abgeschnittene Lebensfäden und ein Stück irakischer Geschichte, untrennbar verbunden mit dem Nahostkonflikt, der kolonialen Vergangenheit Europas und dem Nationalsozialismus.

Bildrechte: Ayşe Yavaş
Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert. Seither sind die Romane «Im Fallen lernt die Feder fliegen», «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» und «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.
Pressestimmen
«Mit seinem jüngsten Werk setzt er allen Vertriebenen und Wurzellosen dieser Welt ein beeindruckendes Denkmal und konfrontiert seine Leserinnen und Leser gleichzeitig mit einem kaum bekannten Kapitel jüdischer Geschichte. Intensiv und fesselnd.» Petra Pluwatsch, Frankfurter Rundschau
«Mit eindrücklicher und detaillierter Sprache kontrastiert Usama Al Shahmani das prosperierende und religiös aufgeschlossene goldene Bagdad der 20er- und frühen 30er-Jahre mit der irakischen Hauptstadt von heute.» Julian Schütt, CH Media
«Eindringlich erzählt Usama Al Shahmani in seinem poetisch klugen Roman von Vergangenheit und Gegenwart, Vatersuche und Ich-Suche.» Alexander Kluy, Buchkultur
«Eine sich behutsam entwickelnde Erzählung, in der auf ganz leichte, aber bald eindrückliche Weise eine scheinbar private Familiengeschichte verknüpft wird mit den politischen Umbrüchen und Konflikten des Nahen Ostens, die bis ins Heute ragen.» Frank Keil, Jüdische Allgemeine
«Detailreich schildert Al Shahmanis Roman die schicksalhaften Entwicklungen im Irak der 1930er und 1940er Jahre. Eine spannende und anregende Perspektive, die sich tastend zwischen Fiktion und Faktischem bewegt.» Eva-Christina Meier, taz
«Überzeugend rekonstruiert der Roman eine tragische jüdische Familiengeschichte, im Wechselspiel zwischen den Aufzeichnungen von Gadis Vater und der Gegenwart des Nachgeborenen.» Oliver Pfohlmann, Deutschlandfunk
«‹In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied› ist ein Roman mit einem poetischen Titel, aber einem ungeschönten Blick auf die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und ihre Nachwirkungen bis heute.» Daniel Graf, Republik
«Mit seinem jüngsten Werk setzt er allen Vertriebenen und Wurzellosen dieser Welt ein beeindruckendes Denkmal und konfrontiert seine Leserinnen und Leser gleichzeitig mit einem kaum bekannten Kapitel jüdischer Geschichte. Intensiv und fesselnd. Petra Pluwatsch, Frankfurter Rundschau»
"‹In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied› ist ein Roman mit einem poetischen Titel, aber einem ungeschönten Blick auf die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und ihre Nachwirkungen bis heute." Daniel Graf, Republik
«Dieser Roman ist leicht zu lesen, aber gibt viel zu denken.» Gottfried Kößler, Kommbuch
Veranstaltungen
Mittwoch, 23. September 2026
18:00 Uhr
vielerorts - Literatur in Ladenburg e.V.
Rheingaustraße, 68526 Ladenburg, Deutschland
Ladenburger Literaturtage 2026
Lesung und Gespräch mit Usama Al Shahmani
Usama Al Shahmani liest aus und spricht über «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied»
literaturinladenburg@gmail.com
www.ladenburger-literaturtage.de/
Donnerstag, 24. September 2026
19:00 Uhr
Stiftung für Demokratie Saarbrücken
Europaallee 18 , 66113 Saarbrücken, Deutschland
In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
Lesung und Gespräch mit Usama Al Shahmani
Usama Al Shahmani liest aus und spricht über «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied»
Eintritt CHF 8.– / Ermässigt CHF 5.–
Eintrittskarten erhältlich in der Buchhandlung St. Johann, Kronenstraße 6, 66111 Saarbrücken
oder Tel.: 0681-95805464 / buchhandlung.st.johann@t-online.de
mehr Informationen
T: 0681 - 906 26 - 10
sb@sdsaar.de
www.stiftung-demokratie-saarland.de
Donnerstag, 22. Oktober 2026
18:00 Uhr
Kulturgruppe Fällanden
Lindenweg 13, 8118 Pfaffhausen, Schweiz
In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
Lesung und Gespräch mit Usama Al Shahmani
Usama Al Shahmani liest aus und spricht über «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied»
T: 044 825 53 65
halter@ggaweb.ch
www.kulturgruppe-faellanden.ch/
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Usama Al Shahmani: Warum dieses Buch?
Am Ursprung standen zwei Motive, die miteinander verwoben sind.
Zunächst war da ein persönlicher Impuls. Schon während meines Studiums in Bagdad zog es mich immer wieder in die alten Viertel der Stadt, die von einer Vergangenheit zeugen, die zwar verschwunden, aber in jene stillen Gassen tief eingeschrieben ist. Besonders die Spuren der einst blühenden jüdischen Gemeinde ließen mich nicht los: verlassene, zerfallende Häuser, verblasste Ladenschilder, architektonische Details, die Geschichten andeuten, aber keine mehr erzählen. Ich wollte wissen, wer diese Menschen waren. Wie sie gelebt, gearbeitet, gehofft hatten.
Eine Spur führte dabei über die Musik. Die irakische Klanglandschaft ist untrennbar verbunden mit jüdischen Stimmen: SängerInnen, KomponistInnen und Musiker wie die Brüder Salah und Daoud al-Kuwaity, die das musikalische Erbe des Landes prägten. Während meines Studiums war mir die Bedeutung dieses Beitrags nicht vollständig bewusst. Erst durch meine Recherchen wurde mir klar, wie sehr ihre Gegenwart heute fehlt, nicht nur in der Musik, sondern im kollektiven Gedächtnis.
Das zweite Motiv ist politisch. Es führte mich in die Geschichte des modernen Irak, auf der Suche nach den Ursachen von Ausgrenzung, Enteignung und Vertreibung.
Nach dem Tod von König Faisal I. (1885–1933) entwickelte sich ein zunehmend autoritäres Regime mit erschreckenden Parallelen zum europäischen Faschismus. Dabei wurde die jüdische Gemeinde zur Projektionsfläche für Misstrauen und Hass. Dieses Kapitel der irakischen Geschichte mit seinem heftigen Antisemitismus wurde aus der offiziellen Erinnerung getilgt und wird bis heute weitgehend beschwiegen.

Zerfallende jüdische Häuser in Bagdad, 2022.
Als ich 2020 diese Fragen zu verfolgen begann, reiste ich zweimal in den Irak, sammelte, forschte, las, hörte zu, zweifelte, sortierte und schrieb. Es war ein langer, oft schmerzhafter Prozess, der mich tief verändert hat. Nun, nach mehr als vier Jahren, ist dieses Buch fertig. Ich bin erleichtert und in gewisser Weise glücklich. Denn mit diesem Roman konnte ich etwas zurückgeben, eine Geschichte sichtbar machen, die lange verdrängt wurde.
Die persönliche Spur und die politische Aufarbeitung sind untrennbar miteinander verwoben. Ich begreife heute, warum diese Häuser leer stehen und warum meine Generation, wie viele davor und danach, mit einem blinden Fleck aufgewachsen ist. Dieses Buch ist mein Versuch, jener Leerstelle eine Sprache zu geben. Nicht aus Anklage, sondern aus dem Wunsch, etwas Verlorenes ins Bewusstsein zurückzuholen.
Können Sie uns etwas mehr zum historischen Hintergrund Ihres Romans erzählen?
Ich habe über eine Welt geschrieben, die es so nicht mehr gibt. Der Roman erzählt vom jüdischen Leben in Bagdad im 20. Jahrhundert, einer Zeit, in der jüdische Ärzte, Lehrer, Kaufleute und Intellektuelle fester Bestandteil des städtischen Lebens waren. Seit über 2500 Jahren bis in die 1930er-Jahre lebten sie weitgehend integriert; ihre Schulen galten als modern, ihre Kultur war lebendig.
Meine Recherchen ergaben, dass es in Bagdad damals eine Blütezeit jüdischen Lebens gab. Doch mit dem wachsenden Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands wurde das politische Klima zunehmend vergiftet. Im Kampf gegen die Kolonialherrschaft der Briten verbündete sich der Irak mit den Nazis, und die deutsche Botschaft in Bagdad unterstützte antisemitische Bewegungen, Parteien und Medien mit Geld, Propaganda und Logistik. Zwischen 1930 und 1945 wurde der Irak zur Bühne deutscher Einflussnahme. Die gesellschaftliche Atmosphäre veränderte sich tiefgreifend mit Folgen bis in die Gegenwart.
Der Pogrom von 1941, bekannt als Farhud, war eine Zäsur. Zwei Tage lang wurde mitten in der Hauptstadt geplündert, vergewaltigt, gemordet. Für die jüdische Bevölkerung war es ein kollektiver Schock. Spätestens mit der Gründung Israels 1948 wurde klar: Jüdisches Leben im Irak hatte keine Zukunft mehr. Angst, Kontrolle und ein schwelender Hass prägten die Atmosphäre.
Im März 1950 zwang ein Gesetz der Regierung alle Juden, ihre Staatsbürgerschaft aufzugeben, das Land zu verlassen und ihr Eigentum zurückzulassen. Eine Rückkehr in den Irak wurde ihnen verboten. Eine jahrtausendealte Gemeinschaft zerfiel und mit ihr ein zentraler Bestandteil der irakischen Identität und Zivilgesellschaft.
Was in Bagdad damals geschah, war nicht nur Vertreibung, es war eine Schande und ein kulturel-ler und menschlicher Verlust, der im Irak bis heute nachwirkt.
Als Folge des irakischen Nationalsozialismus und später des diktatorischen Regimes von Saddam Hussein von 1979 bis 2003 verschwand die jüdische Bevölkerung des Iraks fast vollständig. Von den einst 130’000 jüdischen Bewohnern war beim Einmarsch der amerikanischen Truppen im März 2003 nur noch eine kleine Gruppe von etwa zwanzig Juden in Bagdad übriggeblieben.

Stempel im Pass einer jüdischen Familie vom
13. November 1950: «Rückkehr in den Irak
nicht gestattet.»
Sie sind im Irak aufgewachsen und schreiben den Roman jetzt in der deutschen Sprache, der Sprache der Nationalsozialisten, die ihren Antisemitismus in den Irak exportiert haben. Was bedeutet das für Sie?
Es gibt keine Sprache, die nicht auch missbraucht wurde von Ideologien, von Diktaturen, von Macht. Auch die deutsche Sprache wurde im Nationalsozialismus zu einem Werkzeug der Gewalt. Dass ich meinen Roman gerade in dieser Sprache schreibe, ist für mich daher auch eine Form von Widerstand.
Ich bin in einem Land aufgewachsen, das Diktaturen, Zensur und importierten Antisemitismus erlebt hat. Diese Vergangenheit hat mich geprägt. Mein Schreiben richtet sich aber nicht nur rückwärts, es sucht nach neuen Perspektiven, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Und Literatur auf Deutsch zu schreiben ist das Medium, das mir dafür die größte Freiheit gibt.
Ich schreibe auf Deutsch, weil ich heute in der Schweiz lebe, weil mich die deutsche Literatur von Brecht bis Bachmann geprägt hat, und weil mir diese Sprache Ausdrucksformen bietet, die mir in meiner Muttersprache oft verwehrt waren. In einer Sprache zu schreiben, die einst zur Unrechtssprache wurde, heißt für mich, sie zurückzuerobern.
Im Übrigen ist Deutsch auch die Sprache der Aufarbeitung des Nationalsozialismus, auch in vie-len Romanen. Nur die arabische Variante fehlt in der deutschen Literatur weitgehend.
Fiktive Figuren treffen auf historische, von König Faisal I. über Amin Husseini bis zum Administrator der Koalitions-Übergangsverwaltung im Irak, Paul Bremer. Wo beginnt und endet die Fiktion?
Für mich ist das Schreiben ein Innehalten vor den verschlossenen Türen der Geschichte. Ich erinnere mich an die jüdischen Viertel Bagdads, an ihre verriegelten Eingänge, hinter denen kein Sieg und keine Niederlage wartete, sondern ein aufgeschobener Hoffnungsschimmer.
Wenn ich historische Persönlichkeiten wie den deutschen Gesandten in Bagdad Fritz Grobba (1886–1973), den sog. «Großmufti von Jerusalem» Amin al-Husseini (um 1896–1974) oder den amerikanischen Verwalter der Übergangsregierung 2003 bis 2004 Paul Bremer literarisch aufnehme, dann nicht, um Geschichte zu rekonstruieren, sondern um ihr nachzuspüren. Meine Fiktion beginnt dort, wo offizielle Erzählungen abbrechen, wo Erinnerung fragmentarisch wird und Stimmen fehlen.

Adolf Hitler trifft Amin al-Husseini am 28. November 1941.
Ich glaube nicht an eine starre Trennung zwischen Fakt und Fiktion. Literatur erlaubt es mir, das Unsagbare zu berühren, ohne es zu verfälschen, Fragen zu stellen, ohne sie beantworten zu müssen, Räume für neue Wirklichkeiten zu öffnen. Meine Romane füllen Lücken nicht mit Behauptungen, sondern mit einer anderen Art von Wahrheit, einer tastenden, menschlichen, poetischen.
In meiner Muttersprache war das oft nicht möglich, zu viele Tabus, zu viel Schweigen. Im Deutschen, meiner literarischen Sprache, finde ich jene Freiheit, die mir erlaubt, über das zu schreiben, was verschwiegen wird. Ich kann jenen eine Stimme geben, an die sich niemand erinnern will. Mein Roman endet für mich nicht in der Wirklichkeit, er beginnt dort.
Und wie setzt er dort an?
Meine Geschichte handelt von dem fast fünfzigjährigen Israeli Gadi, der in der Schweiz lebt und erst nach dem Tod seines Vaters 2018 von dessen Herkunft aus Bagdad erfährt. Dieser war mit einer österreichischen Holocaustüberlebenden verheiratet. Beide schwiegen gegenüber ihren Kindern über ihre traumatischen Erfahrungen, aber ihre Ehe zerbrach daran. 1934 geboren, legte der Vater wie alle irakischen Juden nach der Vertreibung seinen arabischen Namen ab und versuchte sich zu integrieren, behielt aber seine heimliche Sehnsucht nach dem Bagdad seiner Kindheit bis über seinen Tod hinaus: mit dem Wunsch, die Hälfte seiner Asche möge in den Tigris gestreut werden. Aus den Aufzeichnungen seines Vaters und schließlich auf der Reise nach Bagdad 2019 erschließen sich Gadi allmählich die ungeheuren Vorgänge im Bagdad der Dreißiger- und Vierzigerjahre als Teil seiner Familiengeschichte. Und der Tigris singt das ewige Lied von Verlust und Heimat.
