He, dich kenne ich doch
Monika Stocker

He, dich kenne ich doch

Agendanotizen

Mit einem Vorwort von Peter Bichsel

128 Seiten, gebunden
Februar 2010
SFr. 28.50, 30.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-596-3

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Schlagworte

Politik
     

Seien es der gesprächige Marroniverkäufer, der die Gelegenheit beim Schopf packt, als ihm endlich mal jemand zuhört, die Bewohner des Züribergs, die mit ihren neuen ausländischen Nachbarn nicht zurechtkommen, oder der Alki, der dringend ein neues Hemd braucht – ihnen allen begegnet Monika Stocker mit Menschlichkeit und Verständnis. Sie hört zu, sucht nach Lösungen und greift manchmal auch zu unkonventionellen Methoden.

Vierzehn Jahre war Monika Stocker Vorsteherin des Sozialdepartements und hat dabei Zürich «von unten» erlebt. Ihre Begegnungen mit Drogenabhängigen, Alkoholikerinnen, Flüchtlingen und Sozialhilfebezügern hat sie zu kurzen Texten verarbeitet. Einfühlsam und feinfühlig schildert die Politikerin in 55 Geschichten Erfahrungen aus ihrer Amtszeit. Die lebendig erzählten Episoden berühren, regen zum Nachdenken an und lassen schmunzeln.

«Die Texte sind vortrefflich geschrieben.» Peter Bichsel

Monika Stocker
© Limmat Verlag

Monika Stocker

Monika Stocker, geboren 1948 in Aarau, Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Fribourg. Masterstudium Angewandte Ethik an der Universität Zürich. 1987–1991 Nationalrätin. 1994–2008 Vorsteherin des Sozialdepartements der Stadt Zürich (Exekutivmitglied). Seit Oktober 2009 selbständige Tätigkeit.

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Peter Bichsel

Peter Bichsel

Peter Bichsel, geboren 1965, promovierter Germanist, führt seit 2003 sein eigenes Buchantiquariat «Peter Bichsel Fine Books» in Zürich.

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Die Tänzerin

Im Rahmen der Kinderkonferenz, an der Kinder einmal aus ihrer Sicht darstellen, wo sie der Schuh drückt in Zürich, sitzen wir in der Turnhalle des Schulhauses Wengi im Kreis 4 und hören uns die Wünsche und Vorschläge der Kinder an. Was die Kinder erarbeitet haben, ist beeindruckend. Wir merken, die Kinder fühlen sich ernst genommen. In kleinen Gruppen werden die Resultate kritisch überprüft; was geht, was geht nicht. Die Kinder müssen sich anstrengen: langes Stillsitzen und konzentrierte Mitarbeit sind gefragt. Endlich, nach fast zwei Stunden Arbeit, setzt die Moderatorin einen Schlusspunkt und schlägt vor, dass wir uns zu einer Musik, die sie auflegt, bewegen und tanzen.

Ich habe sie gleich am Anfang gesehen; sie ist mir sofort aufgefallen mit ihrem bedeckten Kopf und ihrem wunderschönen feinen Gesicht unter dem weissen Tuch, das vorn unter dem Kinn durchgeht wie eine Kappe. Ihre Herkunft – vermutlich Somalia, von wo zurzeit viele Kinder kommen – lässt sich nur erraten. Auffallend ist, dass sie, neben dem Kopftuch, Jeans und Pulli trägt, wie die anderen Kinder auch. Ich schätze sie auf neun oder zehn Jahre. Sie hat nichts gesagt, wahrscheinlich ist sie noch nicht lange mit dabei. Als die Musik beginnt und die Kinder endlich ihrem Bewegungsdrang Luft machen können, steht sie am Rand und schaut zu. Plötzlich beginnt auch sie zu tanzen, anders als alle anderen. Sie bewegt ihre Arme und ihre Hände in einer Art und Weise, wie wir es manchmal in Filmen von Tempeltänzerinnen sehen. Sie schliesst die Augen und man hat den Eindruck, sie sei weit weg. Ihre Eleganz fasziniert. Feingliedrig und konzentriert bis in die Fingerspitzen, scheint alles gespannt und doch gleichzeitig entspannt zu sein. Ein paar Kinder hören auf zu tanzen und schauen ihr zu. Als die Musik aufhört, erschrickt sie, öffnet die Augen und schaut um sich. Sie ist verlegen, als sie die Aufmerksamkeit spürt, die sie erhalten hat. Spontan gehe ich auf sie zu, frage nach ihrem Namen und beginne ein kleines Gespräch. Am Schluss danke ich ihr, ich hätte mich sehr gefreut, dass sie mitgemacht habe, ihr Tanzen sei wunderschön. Ob sie mich verstanden hat, weiss ich nicht, aber sie strahlt.

Die alte Frau im Bahnhof

Regelmässig treffen sie ein, diese Briefe, in denen Leute aus der ganzen Schweiz, zum Teil auch aus dem nahen Ausland, sich beklagen und schimpfen, dass wir nichts unternehmen. Sie hätten sie gesehen, die betagte Frau im Rollstuhl oder an ihren Rollstuhl gelehnt, in einen Wollmantel gehüllt, bei jeder Witterung sei sie dort und murmle vor sich hin. Es sei morgens sehr früh gewesen, schreiben die einen, man wisse ja nicht, ob sie etwa die ganze Nacht hier gestanden habe, es sei abends spät gewesen, sagen die anderen, sicher habe sie keine Unterkunft gehabt für die Nacht. Es sei ein Skandal, dass in der doch reichen Stadt Zürich so eine arme alte Frau alleingelassen werde.

Ich habe die Textbausteine für die Antworten abgespeichert. F. ist eine gut betreute Frau. Sie lebt im Hauptbahnhof, weil sie eine Mission hat. Ihre Mission ist es, die Reisenden zu segnen, und das tut sie, tagein tagaus, jahrein jahraus. Sie ist stolz auf ihre Mission. Und die reiche Stadt Zürich ist es vielleicht auch ein bisschen. Der Segen von F. tut allen gut.

Pastetli a la mode du Chef

Im Talk, dem Treffpunkt für Alkohol Konsumierende in der Stadt Zürich, wird jeden Tag eine warme Mahlzeit angeboten. Und es ist üblich, dass die Besucher das Kochen für sich selber übernehmen. N. war in seinem früheren Leben Koch, und auch wenn vieles in seinem Leben krumm gelaufen ist, kochen, ja, das kann er. So wurde er schnell – wenn es ihm gut ging – der Teamleader. Er erzählt mir bei meinem Besuch einen für ihn besonderen Höhepunkt.

Als Erstes werden jeweils am Morgen das «Tagblatt» und die Reklamen der Grossverteiler nach Aktionen durchgeforstet. Denn mit siebzig Franken pro Mahlzeit lässt sich nicht jeder Wunsch für vierzig, fünfzig und manchmal mehr Gäste erfüllen. Heute, so verkündet der eine Grossverteiler, ist Kalbfleisch Aktion. «Spinnst du denn! Kalbfleisch! Sag doch gerade, wir kochen heute fürs ‹Baur au Lac›.» N. lässt sich nicht einschüchtern. Ja, das würde er gerne tun, fürs «Baur au Lac» kochen. Aber heute kocht er hier, für sie alle, die da sind, und zwar Kalbfleisch. Die andern schütteln den Kopf und wettern. «Wir haben Hunger, wir können kein Minimöckli brauchen, wir wollen etwas Rechtes auf den Tisch.» So geht es eine Weile weiter. Souverän steht n. auf und erklärt zwei unter ihnen zu seinen Begleitern. Auf geht's, zum Grossverteiler, die siebzig Franken in der Tasche.

Am Mittag gibt es Pastetli la mode du Chef N. Das Kalbfleisch, zweimal durch die Hackmaschine gegeben, schmeckt köstlich, exquisit, und was er alles miteingekauft hat, damit die Sauce fein und nahrhaft für alle ist, bleibt sein Geheimnis. Verrückt ist einzig, dass er sogar die Hälfte seines persönlich gekauften und für den Nachmittag aufbewahrten Weissweins für die Verfeinerung der Sauce «geopfert» hat. Das haben die Kumpels mit Applaus verdankt.
züritipp, 25. Februar 2010
friz, 4/2009
Tages-Anzeiger, 27. Februar 2010
NZZ am Sonntag, 28. Februar 2010
Neue Zürcher Zeitung, 2. März 2010
Heinrich Boxler, 9. März 2010
P.S., 18. März 2010
WOZ Die Wochenzeitung, 25. März 2010
Fama 2/2010
Frauenstimme 2/2010
DRS 3, Buchtipp, 4. Mai 2010

«Dabei verschont uns die ehemalige Vorsteherin des Sozialamts glücklicherweise mit anrüchigen Berichten aus dem Milieu. Aber gerade deshalb sollte man an die Buchvernissage gehen und sich diese Geschichten vorlesen lassen von derjenigen, die sie nicht nur geschrieben, sondern auch erlebt hat.» züritipp

«Einfühlsam und feinfühlig schildert die Politikerin in 55 Geschichten Erfahrungen aus ihrer Amtszeit. Die lebendig erzählten Episoden berühren, regen zum Nachdenken an und lassen schmunzeln.» friz

«Doch ein Akt der Selbstdarstellung ist dieses Werk nicht. In schlichter, klarer Sprache lässt es episodisch die Persönlichkeiten, die Hoffnungen und Ängste hinter der vordergründigen Not aufscheinen. Und der fein eingestreute Humor, der sich durch das ganze Bändchen zieht, trägt dazu bei, dass der Duktus nicht zu missionarisch wirkt.» Neue Zürcher Zeitung

«Monika Stocker erzählt berührend, mit feiner Ironie und leichter Feder. Ganz ohne Sozialromantik und politische Seitenhiebe kommen die Miniaturen daher. Mit dem Büchlein gelingt Monika Stocker ein leiser, würdiger Abschied von ihrem Amt, in dem sie nicht ganz unumstritten war.» NZZ am Sonntag

«Die Agendanotizen sind direkt, schnörkellos und persönlich. Viele der Geschichten haben eine unerwartete, positive Pointe, andere zeigen einen kommentarlosen Einblick in ein Schicksal. Man gewinnt den Eindruck, mit Stocker über ihr Zürich zu plaudern, und erfährt dabei viel über die Ex-Stadträtin und über die Schattenseiten von Zürich.» Tages-Anzeiger

«Monika Stocker gelang mit diesem schmalen Notizenband ein wirklich schönes Buch, das eben gerade nicht davon lebt, dass sie Vorsteherin des Sozialdepartements war, sondern dass sie die Fähigkeiten besitzt, eine Situation sehr kurz so darzustellen, dass man sie vor Augen bekommt.» P.S.

«Stocker erzählt nüchtern, aber nicht ohne Humor, mit ebenso viel Sachkenntnis wie Einfühlungsvermögen.» WOZ

«Berührt, ohne rührselig zu sein.» Fama

«Frau Stocker wertet und urteilt nicht, sie dokumentiert, aber ihre Empathie ist immer spürbar. Sie ist eine feinfühlige Beobachterin, die die Menschen und ihre Anliegen ernst nimmt.» Frauenstimme

«Das schmale Buch liest sich in einem Zug, aber die Wirkung ist nachhaltig: die Menschen und ihre Schicksale begleiten uns in den Alltag und wollen uns auffordern, das Prinzip Hoffnung und Vertrauen weiter zu tragen.» Frauenstimme

«Das Buch entreisst aus weltfremden Galaxien und setzt einen mitten im Leben aus.» DRS 3
Captcha

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