Die Brille des Nissim Nachtgeist
Lotte Schwarz

Die Brille des Nissim Nachtgeist

Roman. Die Emigrantenpension Comi in Zürich 1921–1942

Herausgegeben von Christiane Uhlig

224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 5 Fotos
ersch. März 2018
SFr. 32.–, 29.– €
978-3-85791-853-7

Lisette, eine junge Hamburgerin, emigriert im Sommer 1934 aus politischen Gründen nach Zürich, wo sie Arbeit und Unterkunft in der Pension Comi findet. Diese wird vom russisch-jüdischen Ehepaar Paksmann geführt, das einst selbst geflüchtet ist und sich den immer zahlreicher eintreffenden Flüchtlingen verbunden fühlt. In der Pension kommt auch Nissim Nachtgeist unter, Jurastudent aus Deutschland, der gerne Schauspieler geworden wäre und nun illegal Schweizer Berufsmäntel näht. Aber auch Signora Teresa mit den leuchtenden roten Haaren, Jüdin und ausgestossen aus der Kommunistischen Partei, Oberregierungsrat Eiser, der alle, die nach ihm angekommen sind, als persönliche Bedrohung empfindet und Vicky, «eine Achteljüdin» aus dem Rheinland, die samstags die Damen der Pension mit einer Schönheitspflege verwöhnt, leben hier.

Die Pension Comi hat es tatsächlich gegeben, und Lotte Schwarz erzählt die Geschichten der Menschen, die dort Vertreibung und Krieg zu überstehen und jene im Gastland geforderte seelische Schwerarbeit zu leisten versucht haben: «Hoffen, warten, dankbar bleiben.»

Lotte Schwarz

Lotte Schwarz

Lotte Schwarz (1910–1971), wuchs in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie in Hamburg auf. Erst Dienstmädchen, später Biblio­thekarin. Engagierte sich bei den Guttemplern, der Frauenbewe­-
gung und den antistalinistischen Roten Kämpfern. 1934 emigrierte sie in die Schweiz, wo sie zunächst wieder als Dienst mädchen arbei­tete. Unterkunft fand sie in der Pension Comi. Von 1938 bis 1948
Bibliothekarin im Schweize rischen Sozial­archiv in Zürich. Danach freiberuflich als Werbetexterin und Autorin tätig.

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Christiane Uhlig

Christiane Uhlig

Christiane Uhlig, Historikerin mit Forschungsschwerpunkt osteuropäische, jüdi­sche und Schweizer Geschichte des 20. Jahr­hunderts. Arbeitete an der Universität St. Gallen, war wissenschaftliche Mitarbeiterin der unab­hängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg und für das Archiv für Zeit­geschichte der eth Zürich tätig. Zahlreiche Publikationen, zuletzt «Jetzt kommen andere
Zeiten. Lotte Schwarz (1910–1971). Dienstmädchen, Emigrantin, Schriftstellerin».

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Auszug aus dem Nachwort

Eine Schublade wird geöffnet


«Vielleicht liegt der schönste, ergreifendste Roman über die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flohen und wie lästige Eindringlinge behandelt wurden, unveröffentlicht in einer Schublade!» Charles Linsmayer


Tatsächlich mussten siebenundvierzig Jahre ins Land gehen, bis der Roman von Lotte Schwarz die Schublade verlassen konnte, um veröffentlicht zu werden. Er hat trotz dieser langen Zeit nichts an Anziehungskraft und Aktualität verloren – leider, muss man bezogen auf Letztere anmerken. Flucht ist seit Jahrhunderten eine Lebensrealität, auch in Europa. Immer waren Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um ihr Leben zu retten, und – wenn möglich – in der Fremde unter Fremden neu anzufangen. Vor hundert Jahren, nach Ende des Ersten Weltkriegs, befanden sich sieben Millionen Menschen auf der Flucht, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dreissig Millionen, die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen nicht eingerechnet. Und heute sollen es weltweit 65 Millionen Menschen sein. Trotz der grossen Not dieser Verlorenen, Erniedrigten, Gescheiterten, Vaterlandslosen – wie sie im Roman heissen – wurden und werden sie zumeist nicht mit offenen Armen empfangen, sondern von den «Einheimischen» als unzumutbare Belastung, gar als Bedrohung wahrgenommen. Flüchtling sein bedeutet deshalb noch immer ein Leben am Rande der Gesellschaft, bedeutet soziale Deklassierung, Arbeitsverbot und Geldnot, ständige Ungewissheit und Angst, wie lange man bleiben darf, wann man zurück geschickt wird – in das noch grössere Elend oder gar in den Tod.

Angesichts dieser zeitgeschichtlichen Parallelen erscheint die «Öffnung der Schublade» mehr als folgerichtig, auch wenn der Zufall in Form einer Begegnung mit Claire Barry, der Enkelin der Betreiber der Pension Comi, nachgeholfen hat. Sie erzählte mir von einem unveröffentlichten Romanmanuskript, das eine Lotte Schwarz über die von Paula und Wolodja Friedmann im Zürcher Kreis 6 geführte Pension verfasst hat. Da ich weder den Namen der Autorin kannte noch den Roman, bat ich darum, ihn lesen zu dürfen. Schon am nächsten Tag hielt ich das Typoskript mit dem Titel «Die Brille des Nissim Nachtgeist» in den Händen. Schnell stellte ich fest, dass mir, obwohl ich schon viele Romane und Biographien aus und über diese Zeit gelesen hatte, etwas Vergleichbares noch nicht begegnet war. Literarisches Können und Zeitlosigkeit zeichnen diesen überzeugenden Text von der ersten Seite an aus. Weder wird hier über eine gesichtslose Gruppe, genannt Flüchtlinge, geschrieben, noch handelt es sich um die Erinnerungen eines Einzelnen. Vielmehr geht es hier um das nicht frei gewählte Zusammenleben von ganz unterschiedlichen Menschen, die ihr Emigrationsund Fluchtschicksal in diese Pension geführt hat und die alle vor der Aufgabe stehen, sich in der Schweiz so lange wie möglich aufzuhalten und nicht von den Behörden weitergetrieben zu werden. Nissim Nachtgeist, Protagonist des Romans, spricht von der Wichtigkeit, im Windschatten zu leben, und diesen fanden einige wenige in der Pension Comi. In diesem Haus trafen Angst, Not und Verzweiflung der Geflüchteten auf selbstverständliche Hilfe, Verständnis und Grosszügigkeit der Pensionsbetreiber Paula und Wolodja Friedmann. Hier bekam der Flüchtling seinen Namen und seine individuelle Lebensgeschichte zurück. Auch Lotte Schwarz durfte diese Erfahrung machen. Sie war eine von Tausenden, die ohne die Solidarität von Schweizer Helfern nicht hätte bleiben können. Mit ihrem Roman wollte sie den Menschen in dieser Pension, mit denen sie viele Jahre ihres Lebens geteilt hat und denen sie in Dankbarkeit verbunden geblieben ist, ein literarisches Denkmal setzen.

Lotte Schwarz hätte für diese Aufgabe gerne mehr Lebenszeit gehabt, aber sie musste gegen eine Krebserkrankung anschreiben – ein Kampf, den sie verloren hat. Als Lotte Schwarz im Oktober 1971 starb, lag schliesslich eine korrigierte Fassung vor. Statt zu einem Verlag gelangte der Roman mitsamt all ihrer publizierten Artikel und Manuskripte in Archivschachteln und blieb bei der Familie. Glücklicherweise entschloss sich Ehemann Felix Schwarz, eine Kopie des Textes der befreundeten Enkelin der Friedmanns zu schenken, damit er Jahrzehnte später schliesslich doch noch den Weg in die Öffentlichkeit antreten konnte.

 

Die Autorin

Ein paar wenige Fakten aus dem Leben von Lotte Schwarz und ihrer Familie erfährt der Leser im Roman: Lottes Flucht aus Hamburg, die trauernde Mutter, Bruder Hans, der den Nazischergen nicht entkommen konnte – eine Situation, unter der Lisette im Roman wie Lotte im realen Leben massiv gelitten haben. «Ich wusste es: Einen Nahestehenden in Gefahr wissen, lähmte Herz und Verstand. Über alle Grenzen hinweg erreichte der Verfolger noch einmal den Entronnenen und schlug ihn mit dieser Schwäche.» Man erfährt auch von ihrem Vater, der als Schriftsetzer zur «Arbeiteraristokratie» gehört hat, der ein Verehrer von Bebel, Luxemburg und Liebknecht war und an Gleichheit und Brüderlichkeit glaubte. Auf die Frage der Comi-Köchin Olga jedoch, was er denn zu der aktuellen Lage sage, bleibt Lisette die Antwort schuldig. Mehr über ihre Herkunft, ihre Familie, ihre Kindheit und Jugend erfährt man aus zwei unveröffentlichten autobiographischen Texten von Lotte Schwarz.

Geboren wurde Lotte Schwarz 1910 als Charlotte Benett in der Nähe von Hamburg. Sie wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus mit zwei Brüdern auf. Die bescheidenen Verhältnisse, in denen die Familie lebte, waren Anlass dafür, dass Lotte, im Gegensatz zu ihren Brüdern, trotz sehr guter Schulnoten keine Lehre machen durfte, sondern Dienstmädchen werden musste. Lotte fügte sich in diesen Entscheid, gab sich damit aber nicht zufrieden. Sie wollte mehr vom Leben, als mit ihrer Arbeit als Dienstmädchen die Jahre bis zur Heirat zu überbrücken.

Sie suchte nach Menschen, die für andere Lebensentwürfe standen. Ihr Weg führte sie von den Guttemplern über die Frauenrechtlerinnen der Weimarer Republik zur Kommunistischen Jugend und schliesslich 1932 zu den antistalinistischen Roten Kämpfern, mit dem Ziel, dem Rätegedanken wieder Geltung zu verschaffen. Die Teilnahme an einem von den Frauenrechtlerinnen initiierten Frauenzirkel an der Berufsschule für Dienstmädchen im Jahr 1926 ermöglichte ihr den beruflichen Wechsel zur Bibliothekarin – eine Arbeit, die sie sieben Jahre mit Begeisterung und grossem Engagement ausübte. Die am 30. Januar 1933 erfolgte Machtübernahme durch Adolf Hitler als Reichskanzler machte nicht nur ihre Arbeit in der Bibliothek unmöglich, die Roten Kämpfer mussten in die Illegalität abtauchen, immer in der Angst, entdeckt und verhaftet zu werden. Nachdem bereits der Vater und beide Brüder ihre Arbeit verloren hatten, wurde Lotte Benett eines Tages durch einen Bibliothekskollegen denunziert und fristlos entlassen. Niemand in der Familie hatte nun noch ein Einkommen.

In dieser ausweglosen und gefährlichen Situation entschied sie sich im Sommer 1934, Hamburg zu verlassen und in die Schweiz zu emigrieren. Während die dortigen deutschen Dienstmädchen von der NS-Regierung aufgefordert wurden, wieder «heim ins Reich» zu kommen, hoffte Lotte Benett, eine dieser frei gewordenen Stellen einnehmen zu können. Sie folgte mit diesem Schritt ihrem Genossen und Gefährten Helmut Wagner, der zuvor bereits illegal in die Schweiz gelangt war. Wäre sie in Hamburg geblieben, hätte sie wohl das Schicksal ihres Bruders geteilt. Er wurde verhaftet, kam ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel, und wurde schliesslich an die Ostfront geschickt, von wo er nie mehr zurückgekehrt ist. Gegen die anderen Mitglieder der Roten Kämpfer wurde ein Prozess geführt, in welchem auch über Lotte – in Abwesenheit – gerichtet wurde.

In Zürich angekommen, arbeitete die junge Hamburgerin tatsächlich als Dienstmädchen. Erst nach der mit dem Zürcher Hans Spengler geschlossenen Zweckehe fand sie Arbeit als Verkäuferin und erreichte schliesslich 1938 ihr Ziel, wieder als Bibliothekarin arbeiten zu können. Das Schweizerische Sozialarchiv sollte während zehn Jahren ihr Arbeitsplatz sein, eine für sie persönlich sehr bedeutende Zeit.
Das Sozialarchiv war einer der zentralen Begegnungsorte der politischen Emigration, wo Lotte Benett mit ihrem Wissen und ihrer grossen Hilfsbereitschaft unersetzlich war. Auch privat war dieser Ort für sie wichtig, hier lernte sie ihren zukünftigen Mann Felix Schwarz kennen. Der angehende Architekt und die Bibliothekarin heirateten 1944 und lebten zunächst in Zürich, überwacht vom Nachrichtendienst der Zürcher Kantonspolizei. Doch selbst die geöffneten Hochzeitsglückwünsche erbrachten keinen Beweis für staatsgefährdende Handlungen. Lotte Schwarz erlebte das Ende der nationalsozialistischen Diktatur in Zürich im Krankenhaus, wo sie ihr erstes Kind zur Welt brachte. Ein zweiter Sohn folgte, sie gab ihre Stelle im Sozialarchiv auf und zog mit der Familie 1948 nach Brüttisellen. 1952 schliesslich erwarb das Ehepaar einen Bauplatz und begann zu bauen.

Der Nachlass belegt, dass das Schreiben einen immer grösseren Stellenwert im Leben von Lotte Schwarz einnahm. Als Hausfrau trug sie eine Schürze, in deren Tasche sich stets ein Bleistift befand, um Einfälle, Gedanken sofort festhalten zu können, und das Klappern der Schreibmaschine wurde zu einem beständigen Hintergrundgeräusch im Hause Schwarz. Neben zahlreichen originellen Werbetexten für die Holzfirma Lignoform publizierte sie thematisch breit gestreut in Zeitschriften und Zeitungen. Die Inhalte ihrer Texte spiegelten die eigenen Erfahrungen wider als Dienstmädchen, Verkäuferin, Bibliothekarin, Emigrantin, als berufstätige Frau, als Schweizerin, die das Frauenstimmrecht einforderte, als Expertin in Architekturfragen. Ferner finden sich im Nachlass eine Festschrift für die «Genossenschaft Wohnheim Sihlfeld» mit dem Café Boy in Zürich, aber auch Erzählung, ausgehend vom fehlenden Frauenstimmrecht, und die zwei autobiographischen Texte, alle drei Texte unveröffentlicht. Die längste Artikelserie war die 1952 im «Volksrecht» publizierte dreizehnteilige Serie über ihre Erlebnisse als Bibliothekarin im Sozialarchiv – der bislang umfangreichste Text über diese Institution in einer Zeitung. 1956 erschien beim Girsberger Verlag in Zürich ihr erstes und einziges Buch – das «Tagebuch mit einem Haus» – über den Bau ihres Hauses, mit Plänen von Felix Schwarz und Fotografien von Ernst Scheidegger.

Darüber hinaus war sie wohl eine der ersten Frauen, die Recyclingkunst schuf, aus Holzabfällen der besagten Firma Lignoform. Und sie engagierte sich politisch: in der Gemeinde und 1971, aus Anlass der ersten Kantonsratswahl, an der Frauen teilnehmen durften, auf der Liste der SP – und sie erzielte ein gutes Ergebnis. Sie fand noch die Kraft, einen wunderbaren Artikel über ihre Erfahrungen im Wahlkampf dieser ersten Kantonsratswahl unter Frauenbeteiligung zu schreiben, danach musste sie ins Krankenhaus, wo sie ihre Arbeit am Roman unter schwierigen Bedingungen fortsetzte. Sie erlag ihrem Krebsleiden zwei Tage nach ihrem einundsechzigsten Geburtstag, am 6. Oktober 1971.

 

Der Roman

Wann genau Lotte Schwarz begonnen hat, den Roman über die Pension Comi zu schreiben, ist nicht dokumentiert. Bekannt ist nur, dass sie in den letzten Lebensjahren daran gearbeitet und alle Kraft darauf verwendet hat, ihn zu beenden. Das Typoskript weist nur wenige orthographische Korrekturen auf, vorgenommen gemeinsam mit einer befreundeten ournalistin. Diese Fassung war denn auch für die jetzige Pblikation bestimmend.

Lediglich beim letzten Kapitel des Romans, «Comianische Träume», liegt der Fall etwas anders. Von ihm gibt es drei Fassungen: Eine erste von Lotte Schwarz, eine zweite, die sie mit der Freundin zusammen überarbeitet hat, und eine dritte mit den eingearbeiteten Korrekturen, die für den Roman in seiner jetzigen Form die Grundlage bildete.

Auch wenn der Text von realen Personen und authentischen Ereignissen handelt, ist er dennoch ein Roman und kein historisch-politisches Dokument. Die grosse Politik ist das Damoklesschwert, das von der ersten bis zur letzten Zeile über allen Akteuren schwebt. Aber nicht die inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Ereignissen wie den Schauprozessen in Moskau oder dem drohenden Überfall der deutschen Armee auf die Schweiz stehen im Mittelpunkt, vielmehr geht es um deren Auswirkungen auf das alltägliche Leben von normalen Menschen in gänzlich anormalen Verhältnissen. Die Autorin zeigt, wie verschieden diese Emigranten und Flüchtlinge sind, die in der Pension Comi gestrandet sind. Nicht nur, was ihre politische Einstellung betrifft, sondern auch hinsichtlich ihrer materiellen wie seelischen Möglichkeiten, diese Extremsituation auf unbestimmte Zeit zu meistern. Ihr selbst kommt in der Figur des Dienstmädchens Lisette die Rolle der parteiischen Beobachterin zu, sie berichtet über Bewohner und Ereignisse, beschreibt auch ihre eigenen Befindlichkeiten, zeigt aber nie den Drang, ins Innenleben des Comianers vorzudringen. Sie achtet, wie es im Roman heisst, «den unsichtbaren Damm, hinter den er sich zurückziehen konnte», da sie um «jene seelische Schwerarbeit» wusste, die jeder Flüchtling zu leisten hatte: «hoffen, warten, dankbar bleiben».

Die Bandbreite der unfreiwillig als Heimatlose Zusammenlebenden war sehr gross, das machen deren Diskussionen deutlich. Die Pension Comi ist ein Ort des ständigen Austauschs. Hier wird unablässig diskutiert, geredet, ermahnt, geschimpft, geklagt, gelacht und geweint, im Treppenhaus, im Speisesaal, im Office, in der Küche und in den Zimmern. Die schönste Beschreibung einer solchen Gemengelage findet sich im Nachruf von Lotte Schwarz auf die Freundin und bekannte Ärztin Paulette Brupbacher, Ehefrau von Fritz Brupbacher, im «Volksrecht» vom 25. Januar 1968: «Unter der grossartigen Gesprächsleitung von Fritz Brupbacher wurde der Donnerstagsklub zu einem Ort des Vertrauens und der leidenschaftlichen Diskussion. Fritz liebte es, die Vertreter der verschiedenen politischen Richtungen einzuladen. Heute würde man sagen, er veranstaltete ein Happening. Doch ging es Fritz und seinen Gästen darum, die Ursachen der Niederlagen der sozialistischen Arbeiterbewegungen in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und – Russland zu diskutieren. Während man sich im Hinterzimmer der Brupbacher’schen Praxiswohnung in der Kasernenstrasse hitzige Gefechte lieferte, konnte ein später Ankommender die Mäntel der Kommunisten, Trotzkisten, Sozialdemokraten und Dissidenten friedlich übereinander auf dem grossen Untersuchungsstuhl im Sprechzimmer liegen sehen; in gemeinsamer Machtlosigkeit hingen die Ärmel der Mäntel und die langen, winterlichen Schals von diesem seltsamen Garderobenständer herunter …»1

Wer aber waren diese Gäste der Comi? Gab es reale Vorbilder für die Romanfiguren? Viele der Geschilderten hat es egeben, und sie haben tatsächlich in der Pension gewohnt, andere vereinen in sich mehrere Personen, wieder andere haben in Realität nicht in der Pension gelebt, nur im Roman konnten sie hier tatsächlich einziehen. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass Lotte Schwarz den Comianern fiktive Namen gegeben hat, allerdings bei einigen solche, die leicht erkennen lassen, um wen es sich dabei in Wirklichkeit gehandelt hat. Lotte hat sich den Namen Lisette gegeben, aus dem Ehepaar Friedmann sind die Paksmanns geworden, aus Gabriella Seidenfeld wurde Signora Teresa, aus Ignazio Silone wurde «der Schriftsteller» und aus Kurt Nussbaum Nissim Nachtgeist, wobei Nussbaum der Einzige ist, der sich im Roman seinen «Künstlernamen» selber zulegt und als Anrede einfordert. Wieder andere lebten unter falschem Namen in der Pension – eines der wenigen Privilegien der Schriftenlosen, wie es im Roman heisst. Andere, bekannte Persönlichkeiten wie der führende Menschewik Axelrod oder der Sozialist Adler haben ihren richtigen Namen behalten. Dies gilt auch für den radfahrenden Brotkurier Paul Eppstein, der jeden Morgen koscheres Brot in die Comi bringt. Durch ihn erhält man im Roman authentische Einblicke in die Amateurradfahrerszene in Zürich, ihr kulturelles Leben und in den Antisemitismus, dem sich Eppstein auch unter Radrennfahrern ausgesetzt sieht. Wer aber verbirgt sich hinter dem Beschwerdebriefe an die Regierung schreibenden Herrn Schatz, wer hinter der für die Schönheit der Damen besorgten Rheinländerin Vicky, wer hinter der Süssigkeiten stehlenden Ilona, dem Rechtsanwalt aus Wien, Dr. Josef, oder dem unbeliebten Oberregierungsrat Eiser, um nur nach ein paar der Romanfiguren zu fragen? Es ässt sich heute nicht mehr klären und auch nicht, wer alles ür ein paar Tage nur oder für Monate, ja Jahre in der Pension Comi gelebt hat. Es gibt zwar das Adressbuch der Stadt Zürich, in welchem jährlich die Bewohner jedes Hauses aufgeführt werden, doch sind diese Namenslisten bei Pensionen nicht vollständig, und schon gar nicht bei der Pension Comi, wo so viele Hilfesuchende angeklopft und Aufnahme gefunden haben, ohne dass sie alle im Melderegister erschienen sind.

(…)

 

1 Lotte Schwarz, Das war Paulette Brupbacher, in: Volksrecht, 25. Januar 1968.

In Abrahams Schoss

Die Ankunft stand im Zeichen der Geduld: «Pension Comi», sagte eine singende Stimme ins Telefon, «nein, Frau Paksmann ist noch nicht zurück aus dem Spital, bitte, wollen Sie sich noch einen Tag gedulden?»
Pension Comi – ein lustiger Name, der für meine Ohren ungarisch tönte. Ich verliess die Telefonkabine in der Bahnhofshalle, nahm meinen Koffer und ging auf die breite Strasse zu, die Bahnhofstrasse, wie mir Paul gesagt hatte, und die direkt zum See führe.
Mit den Augen des Dienstmädchens sah ich, dass hier gepflegt wurde, was sich pflegen liess. Für die kommende Nacht musste ich ein billiges Hotel finden; woran sollte ich erkennen, dass es billig ist, wenn alle gleich sauber waren? Die Strasse verbreiterte sich gegen den See zu einem Park, in dem musiziert wurde. Ich war den freundlichen Tönen, die mir nun in den Melodien der Barcarole entgegen kamen, schon eine Weile gefolgt. Um einen erhöhten, überdachten Pavillon standen viele Leute, die den Musikern und ihrem wippenden Dirigenten Beifall klatschten. Das Klatschen glich dem knatternden Anflug von Tauben. Ich zögerte, mich unter die Leute zu mischen, und steuerte auf eine Bank zu, die etwas entfernt stand. Die Bank stand vor grossen, mit Buchsbaum bepflanzten Beeten, in die ein findiger Gärtner – in Buchsbaumbuchstaben – «Nationalbank» geschnitten hatte.
… Schöne Nacht, o Liebesnacht, o …, auf den Beifall hin wiederholten die Musiker die Melodien aus «Hoffmanns Erzählungen». Wie schwer mein Koffer war, merkte ich erst, als ich ihn abstellen konnte. Über die Leute hinweg, vorbei an dem kunstvoll geschwungenen Dach des Musikpavillons, sah ich eine blaue Hügelkette, die einem Tierrücken gleich ausgestreckt am Himmel lag. Das ist Berlin, dachte ich, mein Berlin – seit meiner Kindheit war Berlin ein ferner blauer und langgestreckter Dunstzug am Horizont –, ich hatte Berlin nie gesehen.
Die Reise war lang gewesen, ich hatte nur wenig geschlafen. Hatte ich die Augen geschlossen, wollte es mich anfallartig erdrücken. Ich schaute auf die Leute. Im Koffer musste noch ein Stück Brot sein. «Wenn du es isst, wird es Hasenbrot sein, dann bist du schon weit von uns fort», hatte die Mutter gesagt und mit erstickter Stimme hinzugefügt: «Verfluchen werde ich diesen Menschenjäger.» Ihr Weinen hinter der Brille, die ihre Augen immer vergrösserte, war wie ein Regen im Zimmer gewesen. Bevor ich um die Strassenecke bog, hatte ich noch einmal zurückgeschaut, starr war sie am Fenster gestanden, die Hand zu einem schwachen Winken erhoben.
Mein Bruder Hans hatte mir den Koffer getragen und mich auf den Bahnhof begleitet. Er war arbeitslos. «Mach’s gut», sagte er, nachdem er den Koffer ins Gepäcknetz befördert und mich umarmt hatte. Es war das erste Mal, dass er mich umarmte. Um alles zu überstehen, hatte ich geschäftig mit meinem Mantel hantiert und einen Haken dafür gesucht. Ich sollte nicht aus dem Fenster des Zuges schauen und er sich nicht umdrehen, so hatten wir es abgemacht. «Wurst ist nicht gut aus der GEG, ist Massenware, Wurst kaufe ich lieber bei Petersen», war Mutters Devise. Damit meine Finger von Petersens Jagdwurst nicht fettig wurden, hielt ich die Doppelschnitte zusammen mit dem Papier, in das die Mutter das Brot eingewickelt hatte. GEG war in markigen, roten Buchstaben auf das Papier gedruckt, worin das gekaufte Brot stets eingeschlagen wurde. GEG, Grosseinkaufgenossenschaft von Hamburg und Umgebung. Meine Mutter bewahrte das Papier auf, faltete es zusammen und legte es in den weissen Küchenschrank, der ein Stolz der Familie war. Der Schrank war das Gesellenstück von Walter, meinem älteren Bruder. Auch Walter war arbeitslos. Vorbei die Zeit, in der er, noch in der Tischlerlehre, nach Feierabend ein fertiggestelltes Schlafzimmer auf die schottische Karre lud, um die Fracht von der Steilshoperstrasse in Barmbek zum Möbelhändler Schulz nach Wilhelmsburg, Vogelhüttendeich, gegen ein Trinkgeld und ein gutes Abendbrot abzuliefern. Das pergamentartige Papier von der GEG war vom Falten und Zusammenlegen schon etwas mitgenommen, und die zerknitterten Ränder stachen mir ins Gesicht. Ich konnte mich verstecken hinter dem Papier; niemand konnte mein Gesicht sehen, die GEG stand dicht vor meinen Augen, aber die selbstbewussten Buchstaben in Rot sackten zusammen, und ein nasser Schleier rückte sie in graue Ferne.
«Du wirst es schwer haben», hatte Paul gesagt, «die Österreicher sind angesehener im Ausland … schliesslich haben sie sich gewehrt.» Ich sah Paul zum letzten Mal im Hotel Hansa. Sein Zimmer war übersät mit Büchern und Buchumschlägen – damals bereiste er noch als Vertreter eines Verlages das Ausland. Er kannte die Pension Comi in Zürich.
Ich hoffte, Arbeit zu finden. Hoffte auch, dass Pauls Empfehlung mithalf. Ausserdem reiste ich zu einer Zeit in dieses Land, in der alle deutschen Dienstmädchen aufgefordert
worden waren, heimzukehren ins Reich.
Der Preis des Hotels betrug Fr. 9.50, aber mit Frühstück. Ich gab meinen Pass einem freundlichen Mann, der hinter einer Art Theke sass und eine grüne Schürze trug. Während er mit meinem Koffer die Treppen hinaufstieg, klapperte bei jedem seiner Schritte ein Schlüsselbund.
Der Mann, über dessen grüne Schürze in weisser Zeile «Limmathaus» lief, gab mir den Rat, noch ein wenig die Stadt anzuschauen. Es schien ihm zu früh, um schon schlafen zu gehen. Ich hätte Zeit gehabt und nichts zu tun, doch legte sich die Müdigkeit in ihrer ganzen Last auf mich.
Ich hatte noch ein Paket Langnese-Keks. Mit «Langnese» stieg mir jener schwere, süsse Geruch in die Nase, der über unserer Wohngegend in Hamburg lag. «Du kannst ja zu den Keksmäusen gehen», hiess es, wenn ich in der Schule nicht lernen wollte. Die Keksmäuse, nach Kakao riechende Arbeiterinnen aus der Keksfabrik Langnese, waren in unserer Gegend auch Uhrenersatz. «Ach, schon Viertel nach fünf», eilig begann meine Mutter das Essen vorzubereiten. Die heimwärts strebenden, schweigenden Keksmäuse zogen mit irgendeiner Tasche am Arm an unserer Wohnung vorbei. Wir nannten diese Taschen Zampelbeutel, ähnlich jenem Sack, den die Hafenarbeiter trugen. In den Zampelbeutel kam alles hinein, was sie als herrenlose Fracht betrachteten und darum nach Hause mitnehmen durften. Sie hatten ein Einheitsmass von Holz bis zu den Bananen. Die Brüder waren zwar der Meinung, dass die Keksmäuse Schokolade und so nicht mehr riechen könnten, «steht ihnen hier oben, sag ich dir». Walter schloss bei diesen Worten die Augen und machte einen Fingerstrich am Hals entlang, ein Grad an Sättigung jedenfalls, den wir drei Geschwister uns gar nicht vorstellen konnten.
Ich hatte das Nachtessen mit den Keksen gespart und zählte mein Geld. Der Mann mit der grünen Schürze hatte inzwischen sicher bemerkt, dass mein Pass am folgenden Tage ablief. Das Federbett schien mir unzweckmässig kurz, es reichte gerade bis zu den Hüften. Ich zog es trotzdem ans Gesicht herauf und dafür die Beine an.
(...)
Captcha

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